Vom Glück der Vergänglichkeit
Rede zum 25. Jubiläum des Frankfurter Presseclubs im Mai 2005
Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine sehr verehrten Damen und Herren –
Ich gratuliere dem Presseclub und wünsche ihm von Herzen eine lange, friedliche Existenz. Möge er nie, und damit ist es mir ernst, lebensnotwendig werden müssen, ein Hort des Widerstands gegen eingeschränkte Freiheit des Wortes. Möge er nie: Aber man muß glauben dürfen, daß er es sein könnte. Ich denke, Wissen um die Möglichkeiten einer Institution wie dieser bedingt die Zuneigung zu ihr.
Da aber die Zeiten, in denen wir leben, noch ein bißchen Nachdenken über die Freiheit und ihre Bedingungen und Möglichkeiten erlauben, möchte ich heute nicht das Lieblingsinstrument unserer Zunft, die Posaune, spielen. Eher das kleine melancholische Flötchen des Rattenfängers, der sich umguckt und sich wundert, warum ihm eigentlich so wenige nachlaufen. Denn wir schreiben doch jeden Tag das Richtige und trotzdem passierts nicht und unsere Ratschläge verhallen oft ungehört! Hier ist heute ein Geburtstag, und ich habe keine Lust, über Stellenstreichungen, Anzeigenverluste, allfällige Verblödung der Fernsehprogramme, Verlagskonzentration und Bildungsresistenz der jungen Kollegenschaft reden, Pisa gedenke ich heute nicht zu bereisen und der Neigungswinkel dieses Turms interessiert mich zwar, aber nicht hier. Auch über Korruption, gräßliche Kolumnenkeiler, naive und sentimentalische Dichtung der Boulevard und auch der sogenannten seriösen Presse wird mein Gratulationssprüchlein heute hinwegsehen. Ich habe mir vorgenommen, über die Vergänglichkeit unseres Tuns ein bißchen nachzudenken. Über die Sehnsucht nach Dauerhaftigkeit und ihre Gefahren und über alles, was mit dem Beruf, dessen RückzugsVergewisserungsund Geselligkeitsort wir heute feiern, in meinen Augen zu tun hat. Ich warne. Was den Journalismus betrifft, neige ich zu „romantischem Glotzen“. Ich finde den Beruf gräßlich und ich liebe ihn. Ich habe ihn verlassen und halte mich mit einer Hand krampfhaft an ihm fest.
Im achten Buch der Odyssee lesen wir – sagt Jorge Luis Borges, wie ich freimütig zugebe, denn ich lese nicht gar so oft in der Odyssee, aber es macht sich doch ziemlich gut, wenn man das so lässig hinschreibt, dieses im achten Buch der Odyssee lesen wir, also, eigentlich Borges daß die Götter unselige Geschichten weben, damit es künftigen Geschlechtern nicht an Stoff zum Singen fehle .
Über diesen Stoff zum Singen möchte ich heute ein bißchen mit Ihnen zusammen grübeln, und warum wir immer neuen Stoff brauchen, ob wir die alten Gesänge in den neuen erkennen können, warum es glücklich machen müßte, daß man in unsere Gesänge am nächsten Tag Fisch einwickelt (ein altmodisches Bild, denn nur noch in England gibt’s diese Zeitungstüten für fish ´n chips mit Essig drauf und auch nicht mehr überall). Ja, es müßte glücklich machen, immer von neuem anzufangen und jeden Tag die Wahrheit mit Schuhen zu versehen, auf daß sie weit laufen lerne. Macht es aber nicht. Nicht jeder Sisyphos ist glücklich.
Journalisten, wir wissen es alle, sind merkwürdig wenig angesehen. Der Beruf, der sich als Vierte Gewalt mitten im Leben aller installiert und sich anmaßt, die Welt, die Zeit und die Menschen in begreifbare Portionen zu packen, taucht mit zwanzig bei vielen als Wunschtraum auf.
Das fängt mit der Schülerzeitung an, ich sehe es mit Vergnügen in den JugendschreibtSeiten, daß das nicht nachgelassen hat dann kommen Praktika, HenriNannenSchule, Studium der Kommunikationswissenschaften, Hiwi beim Fernsehen, und irgendwann fragen das kennen Sie alle branchenfremde Eltern besorgt, ob das denn das Richtige sei? Und wie man diese zweifelhafte Karriere sanft in die richtige Richtung schubsen könnte? Denn die Kinder werden seltsam, die Tochter verschreibt sich einem Beobachtungsprojekt in den Dschungeln Borneos und keine Rede ist mehr von der stundenlangen Blockade des Badezimmers zwecks Gesichtsgestaltung. Der gedankenschwere und hochintellektuelle Sohn wirft seinen Benjamin und seinen Baudrillard weg und jobbt selig bei der GALA. Und wir, die wir das Vergängliche tagtäglich zurechthämmern, schauen uns um: Wird das gutgehen? Werden sie glücklich werden?
Ich treffe auf zur Zeit auf viel Mißmut, auf Traurigkeit, der ein Mützchen aus Zynismus aufgesetzt worden ist, auf Jobangst, auf grantige Hilflosigkeit der älteren und andererseits, wie zum Trost, auf eine fröhliche Mischung aus Erfahrung und Gelassenheit auch bei den Älteren. Wenn einem die Sprache endgültig zur verläßlichen Freundin geworden ist und man sich in ihr wiedererkennt, sind wir immer noch in den miserabel beleumdeten Beruf verliebt, wie die Landfahrer, die ja schließlich auch nicht anders leben wollen sage die Gesellschaft, was sie wolle. Vielleicht ist die fundamentale Veränderung unserer Berufswelt, längst ins Leben eingebaut, im journalistischen Stammhirn noch nicht wirklich angekommen: Ich meine das Netz, natürlich. Gewiß ist jedes Wort übers Internet unnütz, seiner Wirkung auf die journalistische Seele und ihre Erkenntnis der Vergänglichkeit allen Tuns lassen Sie mich aber bitte ein paar Worte widmen.
Vor einiger Zeit war mir aufgefallen, daß ich in Artikeln von Kollegen, die ich, nun ja, eher als schlicht kenne, unglaublich schlaue und erlesen ausgewählte Zitate auftauchten. Dieser Schatz liegt nun also jedem zu Füßen, er braucht nicht mal mehr danach zu graben, eine CDRom hat das längst für ihn erledigt. Überhaupt hat das Netz, erlauben Sie mir das simple Bild, viel Verborgenes ans Licht gehoben. Man braucht sich nicht mehr selber auf Expeditionen zu begeben. Echte Funde und das Beschreiten unberührten Geländes sind fast ausgeschlossen.
Ich beklage das nicht, es ist, wie es ist, aber was macht es mit uns? Und mit denen, die es nicht anders kennen? Und wie gewinnt man Gewißheit darüber, daß es wirklich das ist, was man tun will, dieses JedenTagNeu und in Wirklichkeit NichtNeu und dazu noch ein immer explosionsbereites Empörungspotential? Diesem Troß der Jäger angehören, in dem man sich je nach Position, die einem zugestanden wird, wie eine Mikrobe fühlt? Und deshalb andauernd seine Wichtigkeit unter Beweis stellen muß?
Und wie ist das mit dem Vergänglichen und dem vermeintlich Bleibenden? Denn Journalisten sind auch Künstler, das lasse ich mir nicht ausreden, auch der testosterongesättigtste Sportreporter grade bei denen sind die Poeten gar nicht so dünn gesät.
Was immer am Anfang dieses Berufswunsches stand: Der Welt die Wahrheit um die Ohren zu hauen, Robbie Williams aus der Nähe sehen zu können, dem Kapitalismus tierische Namen zu geben oder endlich zu allen Rockkonzerten oder Formel1Rennen eingeladen zu werden Der Lust, dieser Lust, wird Ewigkeit nicht beschieden sein! Darauf, werden unsere frisch geschlüpften Kolleginnen und Kollegen sagen, täten sie pfeifen und werfen sich in die nächste Magistratssitzung oder Aktionärsversammlung. (Und es sei angemerkt, daß sie grade da beweisen können, ob der liebe Gott ihnen den schrägen Blick mitgegeben hat! Diesen Blick, der in der langweiligsten Veranstaltung das Goldkörnchen Tragik oder Komik oder am besten beides zu entdecken vermag! Aber davon später.)
Dennoch wird ihnen eins Tages eine Weggabelung nicht erspart bleiben, sie kommt fast immer, zu unterschiedlichen Zeiten, und sogar die von Auto, Motor und Sport stehen da eines Tages, eines grauen Tages und murmeln in sich hinein, während die gestrige Ausgabe matt in ihrer Tasche raschelt das kann nicht alles gewesen sein!
Tausende haben das schon vor ihnen gemurmelt und tausende werden es noch tun, Virtualität hin oder her denn vor dem inneren Auge, an dieser Wegkreuzung, erscheinen Seiten, nicht Spalten, mit einem festen Deckel drumherum EIN BUCH! Damit man endlich etwas hat, womit man gegen die Pforten der Unsterblichkeit hauen kann!
Da lachen die jungen Kollegen und halten einen für bescheuert, klar, daß die Alte kurz vor der Grablegung mal selber im Feuilleton stehen will!
Und sie gehen zurück in das, was sie für ihr unsichtbares Fürstentum halten, ganz cool, aber so cool wie sie tun, sind sie gar nicht, denn ich lese in ihren Geschichten den alten Journalistentraum als Subtext: Der Wahrheit Beine machen zu wollen.
Das geht den Weg alles Irdischen, die Beine werden manchmal lahm, um die Wahrheit geht’s nicht immer, sondern um Politik verschiedener Art: Warum hatten WIR das nicht vorher? Wäre das nicht unser Thema? Was heißt, Sie interessieren sich nicht für Genome? Mit dem X werden wir es uns grade jetzt nicht verderben! Und die jungen Ritter und Ritterinnen schütteln sich unter dem Gewitter der Tagesrealität und tappen im Nebel der sogenannten Interessen herum und warten auf den neuen Tag. Die neue Story. Den göttlich brauchbaren Skandal, der ihnen direkt vor die Füße fällt. Und daß der Chefredakteur aufhört, sie auf dem Kieker zu haben. Und daß der Entlassungskelch an ihnen vorübergehen möge. Nein, so furchtbar cool, wie sie tun, sind sie nicht, das funktioniert dummerweise in dem Beruf auch nur in den ganz hohen Etagen, das Coole. Dafür ist es dort, denke ich, langweilig.
Scheiße, eine Woche zu früh! sagte eine junge Kollegin im vollen Ernst zu mir. Sie war zu ihrem Bedauern schon eine Woche vor Weihnachten 2004 aus ihrem Urlaub in Khao Lak zurückgekommen.
Tsunami, das wärs gewesen! Meine Chance! Ich hab aber auch immer so ein Saupech. Und ich kann sie verstehen.
Woran soll man sich denn halten außer an Sensationen. Das Karussell, auf das man sich heute setzt, hat kein links und kein rechts, es ist rund. Der Gesinnungsjournalismus meiner jungen Jahre ist tot, mausetot. Unbetrauert verschieden, als Präparat noch im Formalin weniger Gewerkschaftszeitungen zu bestaunen.
Mag man Gesinnung? Braucht man sie? Moral?
Ich glaube nicht. Ich glaube nur an den vorhin genannten schrägen Blick, der auf die Dinge schaut wie keiner zuvor, der das Funkenschlagende im scheinbar Statischen wittert, ein zuhörender Blick, wenn Sie mir das quere Bild erlauben und der im besten Fall macht, daß wir, die Leser der schräg gesehenen Geschichte, das Beschriebene nie mehr anders wahrnehmen können als der Beschreiber es tat. Ein Beispiel von tausenden: Vor zig Jahren beschrieb Marieluise Scherer einen Berliner Rentner mit seinem Hund. Im SPIEGEL. Ich habe nie mehr einen Rentner mit Hund anders als mit ihren Augen sehen können. So zu schreiben hat mit Moral, Gesinnung oder Mission nichts zu tun. Nur mit Liebe. Aber das wissen Sie ja alle selber.
Noch immer sind unser jungen Kollegen vom Kreuzweg, von der Lebensgabelung, ziemlich weit entfernt. Vorbilder? Ich weiß nicht, ob es noch welche gibt, ich nehme es an. Ich jedenfalls hatte welche, und immer waren sie solche, die ihre eigene Art hatten, mit der Gabelung zwischen Vergänglichkeit und Dauerhaftigkeit umzugehen. Sie sprangen hin und her. Joseh Roth ganz vornedran, der Phänomenologe unter den Journalisten, der rationale Poet ohne jede Hoffnung. Wer wissen will, wie im Rußland der Zwanziger Jahre aus Euphorie Verzweiflung wurde und was sich davon bis heute vererbt hat, der lese seine Geschichte über die Fliegenplage in Astrachan. Dann weiß man auch achtzig Jahre später die wirklich wichtigen Dinge. Oder Kerr: Seine Regel für Zeitungsherausgeber: Er verbinde sich eine Handvoll Kerle, die für ein freiheitliches Wunschziel durch Feuer gehen. (Und keinen Schutzklüngel für eine ästhetische Richtung!) leuchtet uns doch immer noch ein!
Die auf der Kanonenkugel sitzenden habe ich genauso bewundert und tu das bis heute, einer meiner Helden ist James Nachtwey wie die beharrlichen Xenophone, die notierend hinter den Ereignissen hertappen, (wie ihr Urvater hinter dem griechischen Heer) glanzlos, unsichtbar und wahrhaftig. Für die ersten wird mein ewiges Bild sein: Christoph Maria Fröhder, abgemagert, nach Wochen des Verschollenseins auf einem Fahrrad aus dem Dschungel kommend. Jahrzehnte danach immer noch ein Initialbild.
Die Xenophone sind oft Gruppen oder nur Kürzel sie bleiben dran, wenn die Scheinwerfer längst weitergeschleppt worden sind. Die schreiben dann Geschichtengeschichte. Möge der Gott der Journalisten ihnen auch künftig Platz, Zeit, Atem und Geld gewähren. Oder ihr Konzern, was leider dasselbe sein kann.
Ich habe Orianna Fallcci bewundert, die Henry Kissinger in ein unbedeutendes kleines Pfützchen verwandelte, und wenn es nach mir ginge, müßten gewisse TalkshowModeratorinnen, vor allem die blonden, sich sieben Tage und Nächte zwangsweise die Aufzeichnungen der FallacciInterviews anhören und sehen.
Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Vorbilder noch so genannt werden, ob es sie überhaupt noch gibt.
Aber mit ihnen oder ohne sie wird sich der junge Kollege, die junge Kollegin eines Tages mit unguten Gedanken herumschlagen. Das, was so grauenhaft und über die Maßen blöde EDELFEDER genannt wird, gerät als Ziel aus dem Blickfeld. Sie sinds nicht und wissen nicht, ob sies eigentlich werden wollen. Ihr Beruf erinnert sie mit einmmal an die Herstellung von Weißwürsten. Die müssen bis mittag verzehrt, verdaut und vergessen sein. Es ist nichts gegen sie einzuwenden, aber sie sowie die Tageszeitung, egal welche, scheinen plötzlich ein allzu flüchtiges Produkt. Weiche, leicht zu essende Ware. Nichts Schweres, das allzu lang im Magen liegt. Manchmal ein Pfefferkorn. Ein Hervorgezupfter Gedanke, eine kleine Irritation, ein Sehnsüchtchen, ein kirschgroßes Ärgerlein Menschenmaß und Leserwunsch, auch wenn die das wütend bestreiten würden.
Es keimt der Wunsch nach der Herstellung schwer verdaulicher Brocken. Jahrelang hatte es gehalten, das Glück der Vergänglichkeit und das damit einhergehende scheinbar immer neue Spiel. Es war stöhnend geliebter Spaß, geben wirs zu: Jene Premiere, dieses Porträt, eine ans Licht beförderte Missetat, eine Wohltätigkeit. Diese Mode, jene gräßliche Reise, eine herrliche danach, die Enttäuschung durch Idole, die Begeisterung durch jemand vorher gering Geschätzten: Alles erlebt, alles festgehalten, alles verweht.
Man hat Sparmaßnahmen, Relaunches und das eine oder andere hübsche mobbing überlebt, Liebe in der Redaktion und Liebe in der Ferne und die Spannung, welche von beiden siegt
Alles erlebt, alles verweht.
Und jetzt kommt diese Weggabelung, die so gern Sinnkrise genannt wird und darin begründet ist, daß man, wie Gottfried Benn so wunderbar gesagt hat Hinterlassungsfähige Gebilde schaffen möchte. Es wird uns klar, daß das Flüchtige uns unzufrieden läßt schließlich sind wir keine Buddhisten.
Also gibt es ein paar andere Gratifikationen, auf daß wir uns an den Frösten der Vergänglichkeit keine Beulen holen möchten eine ganze Industrie sorgt für Bedeutungssimulation, denn das Problem greift längst auch in anderen Bereichen um sich eine Art SterblichkeitsAllergie.
So werden Symposien und Kongresse erfunden, Jurys, und nicht zu vergessen Professuren! Was es nicht alles an Professuren gibt... Denn das Akademische hat bis heute, zu Recht oder zu Unrecht, sowas Ewiges, Unzerstörbares, gleichsam in Marmor gehauenes. Und es versöhnt mit dem Vergänglichen.
Daß man nun meinetwegen in St. Louis, Alabama, vergnügten amerikanischen Buben und Mädchen was über den Essay im neunzehnten Jahrhundert oder die Dramaturgie politischer Reportagen erzählt, bringt den Schmerz nicht zum Verschwinden, es betäubt ihn nur ein bißchen. Man kann sich dort wichtig und ehrwürdig fühlen, wie ich höre, und verblüffenderweise sogar ein wenig sittenlos, als Europäer. Sexuell unberechenbar und wenn man dann auch noch raucht, ist bis zum angenehmen Gefühl, mephistophelisch zu sein, kein weiter Weg mehr.
Mit wachsendem Lebensalter und ebensolcher Erfahrung werden die Fluchtmöglichkeiten ins Ehrwürdige zahlreicher und auch besser bezahlt große Consultingfirmen (über die wir noch vor wenigen Jahren bissig geschrieben haben) versichern sich jetzt unserer Kenntisse und buchen Zimmer nicht unter fünfsternig. Bei über tausend Literaturpreisen von den anderen gar nicht zu reden sind Jurysitzungen eine schöne und vielseitige Abwechslung. An der Front arbeiten jetzt die Jüngeren, erfinden alles neu, wie seit Urzeiten, haben einen Haufen nie gehörte englische Nonsensausdrücke eingeführt, wir finden, daß alles den Bach runtergeht, ungebildet, oberflächlich, kalt, kenntnislos und was weiß ich aber ewig und gültig sind wir immer noch nicht.
Seltsamerweise gibt es in den ältesten Regionen des Gehirns einen Buchglauben, der sich von Verlagskonzentrationen, Wegwerfproduktion, Kenntnis von katastrophal hohen Remissionszahlen und ähnlich Kassandrösem überhaupt nicht beirren läßt. Wir glauben an die Pforten zur Ewigkeit, trotz allem. Auch wenn wir es nicht zugeben und nur nach richtig viel Brunello berühmte Kollegen sich zu dem Satz aufraffen ich muß Ihnen mal was sagen, natürlich ganz albern, ich habe eigentlich gar keine Zeit dafür, man hat mich dringend gebeten... dann kommts, das Buch.
Die richtigen cracks haben indessen keinem was erzählt, unhörbar den laptop gefüttert und einen Seller gelandet, ja, das gibt’s auch. Und haben jetzt den Garten, den man in der Tasche tragen kann, ein persisches Wort, das merkwürdigerweise dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl zugeschrieben worden ist.
Ganz ehrlich gesagt: Es ist ein unvergleichliches Gefühl. Aber bevor es so weit ist furchtbar. Man geht als dem Vergänglichen, immer wieder Neuen verpflichtete Mensch plötzlich in ein Kloster, vom Wunsch nach Haltbarkeit bedrängt. Man sitzt in seinen Zweifeln wie in siedendem Öl und niemand heißt einen aus dem höllischen Kessel springen und sich schnell um etwas anderes zu kümmern.
Kollegen, mit denen man spricht, benutzen aus ihrer Alltagsgeschäftigkeit heraus einen Gesprächston zwischen verlogenem Respekt und barer Häme. Es fühlt sich an wie der unfreiwillige Wechsel vom Harem des Lebens mit all seinen Verlockungen und Kränkungen in die Öde des Zölibats.
Und die Vergänglichkeit, unsere verlassene Geliebte, hebt ihr zartes Köpfchen und fängt laut an zu lachen.
Die Pforten zur Ewigkeit sind unsichtbar geworden. Vielleicht gibt es sie gar nicht. Vielleicht stehen sie wie in Kafkas Geschichte vom Türhüter offen. Keiner ruft an, denn wir waren ja so blöd und anmaßend, der ganzen Welt mitzuteilen, nicht gestört werden zu wollen. Also stört keiner.
Wie schön wäre es, jetzt von Frau Y angerufen zu werden, die wir eigentlich nicht leiden können, und ihre Grenadiesstimme mit dem Satz zu hören: Sie müssen dringend für uns nach Somalia oder so.Ja, auch wenn man schnell nach Fulda oder Dinslaken müßte, wäre es schön!
Sogar ein Interview mit Wolfgang Gerhardt oder Paris Hilton wäre eine freudige Aussicht.
Alles wäre besser. Das Leben! Das vergängliche Leben!
Und aus dem sehr langsam wachsenden Manuskript glotzen uns tote, papierene Augen an! Warum hat man es sich nicht erspart? Die Pforten zur Ewigkeit sind doch längst eine Lachnummer und die Buchläden voller Hervorbringungen von Leuten, die nie eins gelesen haben!
Wie dauerhaft letztlich unser Platz in der Geschichte sein wird, können wir nicht voraussagen da müssen wir bis zur Zeit nach unserem Ableben warten. Diese den Dichtern vorbehaltene Tröstung ist bei näherem Hinsehen ziemlich schwächlich und lohnt das ganze Gestrampel nicht.
So gehen wir zurück in die täglichen, wöchentlichen oder filmischen Aufregungen, genießen die Seebeben in sämtlichen Dorfteichen und sammeln die Krümel des Glamours auf, die von der Stars Tischen fallen. Haltbarer als die sind wir allemal.
Neben ihnen fotografiert wirken wir zwar manchmal ein bißchen tramplig, dafür verläßlicher. Wenn unsere Kampagnen, Debatten, Enthüllungen oder Pamphlete, unsere Reflexionen, Erkenntnisse, Sachverhaltsklärungen und Standortbestimmungen ein paar Wochen alt sind, gedenken wir ihrer mit Nachsicht, Ungläubigkeit, Liebe oder Gelächter. Das macht den Glanz des Vergänglichen aus. Und zu Schluß, als Ermunterung, die nächsten 25 Jahre zuversichtlich in Angriff zu nehmen, wage ich eine Prognose. Die sterbliche Zeitung, das unsterbliche Buch es wird sie weiter geben. Wie ehedem. Aus Papier. Mit gedruckten Buchstaben drin.
Zum allmorgendlichen Aufregen und Vergessen, zum Entzücken, zum Ärgern, und zum samt Marmeladenbrot mit ins Bett nehmen. Schließlich hat die Sache mit dem Cybersex auch nicht hingehauen! Die alte Methode hat sich souverän behauptet. Man hat von der virtuellen Variante nie wieder gehört.
Alles Gute, Frankfurter Presseclub – ad multos annos un bleib senkrescht...