Nur über die Straße

Um von der einen Seite der Eschersheimer Landstraße auf die andere zu kommen habe ich ungefähr zwanzig Jahre gebraucht. Am Dornbusch spielte sich der größte Teil meines Lebens ab. Ich bin immer noch da. Es gibt eine Zeitung, die „Wir am Dornbusch“ heißt. Das ist ein rührender Versuch, uns Dornbuschbewohner über den letzten Rest deutscher Teilung hinwegzutrösten. Bei uns ist sie nämlich noch sichtbar, auch wenn unterirdische Gänge für die Illusion von Bewegungsfreiheit sorgen sollen. Kein Wunder, daß die keiner benutzen will, sondern immer mal wieder Rentner sich oberirdisch in den Tod stürzen. Die Gänge, die die beiden voneinander getrennten Teile eines ehemals zusammen­gehörigen Stadtorganismus verbinden sollen, sind so unglaublich trostlos, so ausweglos häßlich, daß viele lieber auf ihrer Seite bleiben. Man kann bei ruhigerem Verkehr seinen Liebsten auf der anderen Seite Trostworte zuschreien.

Als ich ein Kind war, wohnten wir in der Mechtildstraße, einer stillen, netten, bürgerlicher Straße, die nahe beim Hessischen Rundfunk lag. Zur Schule fuhr ich wenige Stationen mit der Straßenbahn, an der Ecke gabs ein Kino mit einer anscheinend sehbehinderten Kassiererin, die uns in die erst­ab­sechzehn­Filme ließ, ohne mit der Wimper zu zucken. Es war eine angenehme Kindheit am Dornbusch, alle hatten Gärten und keiner Geld. Der Gemüsehändler verkaufte sein Grünzeug billig, es gab einen Laden, in dem Laufmaschen repariert wurden (mit einem Nädelchen, das die entwischte Masche den ganzen Strumpf hinauf wieder einfing, was ich sehr gern sah und lernen wollte, es schien eine nette, ruhige Arbeit zu sein).

Mein Großvater, der in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Frankfurt studiert hatte, erzähle von Landhäusern und Weizenfeldern am Dornbusch. Von mächtigen Bäumen, die die Eschersheimer Landstraße gesäumt haben, erzählte man noch zwei oder drei Generationen später.

Der Dornbusch ist kein Viertel, er ist eine Idee. Er ist ein Beweis für die Beharrlichkeit und Leidensfähigkeit der Menschen. Wir halten es für normal, an Verkehrsadern zu leben, als Störfaktor. Ohne diese ganzen Ampeln, Über­und Unterführungen, ohne die Fußgängerknöpfe und Halte­signale, Busspuren und Radwegmarkierungen ginge es wesentlich schneller vorwärts auf der Hauptverkehrsader, zu der die Eschersheimer Landstraße längst geworden ist. Das weiß jeder, aber die Illusion von Menschenfreundlichkeit soll doch aufrechterhalten werden, und das funktioniert auch ganz gut. Die Ader entlang, hinter dem ganzen Verbindungstheater, dieser mühsamen Aneinanderstückelei einer vor langer Zeit auseinandergehauenen Welt, haben sich Biotope der Bürgerlichkeit gehalten. Die Gärten können sich sehenlassen, auch wenn der Designerwahnsinn mit schneeweißem Streukies, auf dem sich zwei Buchskugeln langweilen, nicht vor unserem Stadtteil haltgemacht hat. Überhaupt: Seit es eine sogenannte Erhaltungssatzung gibt, sind mehr schöne alte Häuser versaut worden als in den anarchischen Jahrzehnten zuvor.

Aber: Vergangenheit. Die ist hier etwas virtuelles, weil jeder seinen eigenen idealen Dornbusch beschreibt. Und weil die Menschen hier anscheinend haltbarer sind als anderswo, gerät die Beschwörung früheren Glanzes ins Märchenhafte. Man kann ja die erzählenden sehr alten Damen und Herren nicht widerlegen.

Wie gesagt: da war meine bewußte Kindheit (die frühe, Regensburg, blieb davon unberührt) an der rive droite des Dornbuschs. Von damals, da die Teilung im Gang, aber noch nicht vollzogen war, habe ich keinerlei Erinnerungen an die rive gauche, an der ich jetzt wohne. Warum das so ist? Ich bin immer erst auf der Höhe meiner Schule, also an der Fürstenbergerstraße, ans gegenüberliegende Ufer gegangen.

Vielleicht war ich dornbuschfern nie richtig daheim, sondern in mehr oder minder angenehmen Zwischenwelten. Das Studium, die ersten Reisen, die ersten Jobs: Alles vorläufiges Leben, Herumprobieren, Vagabundierereien aller Art. Das Leben hatte ein Einsehen und schickte mich zurück an den alten Ort, ich bekam einen Job beim Hessischen Rundfunk. Bald darauf bot mir jemand eine Wohnung im Dichterviertel an, auf der anderen Seite der Grenze. In der Wohnung lebte noch eine Familie. Sie bauten ein Haus, was unabsehbare Wartezeit bedeuten würde. Die Wohnung hatte einen Teppichboden von der Farbe schwerer Hautkrankheit, die Küchenwände waren schwarz und klebrig von Bratfett. Aber ich war wieder am Dornbusch, und es gab einen Garten. Die beiden Trümpfe stachen. Und wie Hölderlin vor seinem Turm (nein, nicht literarisch, nur ganz bescheiden biografisch gemeint), ahnte ich bei meinem Einzug nicht, daß ich so viele Jahre hier verbringen würde.

Häuser entstanden, schön waren sie meist nicht. Häuser wurden erneuert, was ihnen nicht immer bekam. Freunde siedelten sich an. Bäume wurden gefällt. Die Amerikaner entschwanden und ließen uns Katzen und Hunde da. Die Belegung ihrer Wohnungen führte zu einem skurrilen Streit zwischen denen, die sich ihre Villengegend erhalten wollten und den Multikultieuphorikern. Im Lauf der Jahre haben sich beide einander angenähert, in sanfter Erkenntnis beidseitiger Irrtümer.

Bäume wurden gepflanzt, und die dunklen Nadelbäume der Nachkriegszeit machten lichteren Gewächsen Platz. Es mangelte dieser um eine mächtige Kreuzung gruppierten Gegend immer an eindeutigem Charakter, das ist ihr Reiz. Der Dornbusch war und ist zum Teil noch housing area, Villenviertel, Kneipengegend (die allerdings auch aus den erinnerten, längst verschwundenen Kneipen besteht: Wißt Ihr noch? Der Charlie? Der Schlund?), sozialer Brennpunkt, Rentnerparadies, Christengemeinde, Schulstandort, Tante­Emma­Biotop und Supermarkt in einem. Der Dornbusch hat keine Mitte, kein Wahrzeichen, nur die trotzige Beharrlichkeit seiner Anwohner. Keine Mitte, aber einen Sender, und das Funkhaus am Dornbusch ist ein Organismus für sich. Sein Einfluß auf den ihn umgebenden gesichtslosen Kiez ist schwer auszumachen, zweifellos aber da. Früher sah man die Einwohner in der legendären Goldhalle herumstehen und warten, ob Kulenkampff, Wolf Schmidt oder Caterina Valente vorbeikämen. Das geschah sogar manchmal, dann war man dankbar, hier zu wohnen, so nah dran am großen Leben. Einmal kam Rudolf Nurejev. Den kannte aber niemand. Vielleicht ist die Goldhalle, wegen ihrer goldenen Säulen schon früh „Hundehimmel“ genannt, das geheime Herz des Dornbuschs. Hätte ja Bundestag werden sollen, das ganze, aber jetzt ist das egal, der wäre auch von hier aus nach Berlin gezogen. Außerdem wissen das heute nur noch wenige.

Wenn man – von zahlreichen Ausflügen in die Welt einmal abgesehen, und die sind nötig, sonst hätte man ja keine Vergleiche – mit und in einem Viertel älter wird, das so wenig folkloristischen Glanz zu bieten hat wie der Dornbusch, erinnert man sich eher seiner Menschen. Der alte Herr Schwarz mit seinem Krückstock, pensionierter Amtsrichter, der jeden Mittag in der gleichen Pinte aß und hernach über das Essen, das Leben oder die Unbarmherzigkeit des Alters oft so erbittert war, daß er beliebigen Passanten die Krücke über den Kopf haute. Oder die Frau mit dem stolzen Busen und den Boxerhunden, die mit niemandem außer ihren Hunden sprach, der ewig betrunkene, würdevolle schwarze GI mit der Katze auf der Schulter , das Kind, das täglich einmal seine Brille verlor, deswegen jeden Mittag ausgeschimpft wurde und dem man diesen Frust, als es ein junger Mann geworden war, immer noch anmerkte – ach, überhaupt all die Kinder, die man vom wachsenden Mutterbauch bis zur fehlenden Lehrstelle oder zur zu frühen Ehe mitgekriegt hat! Es lehrt einen Demut zu sehen, daß man die Häuser immer wieder neu anstreichen und ihnen frische Balken einsetzen kann, uns aber, ihren Bewohnern, nicht.

Kaddish, würde der große Dichter Paulus Böhmer sagen, Kaddish für die hundertjährige Dichterin Mile aus der Eichendorfstraße, für den Philosophen mit dem gebeugten Gang, der ruhelos das Viertel durchmaß und so freundlich zu sich selber sprach wie ich es nie vorher bei einem Menschen gesehen hatte. Kaddish für Sebastian, der nur neun Jahre alt geworden ist und während seiner langen Krankheit zu einem Weisen wurde, vor dem wir alle Ehrfurcht hatten, weil wir wußten, daß er uns vormacht, wie man stirbt. Kaddish für die Frau mit den dicken Beinen und der sanften Stimme, die Weinbergpfirsiche verkaufte, weil sie sie liebte, obwohl sie wußte, daß die nicht haltbar sind und sie fast alle würde wegwerfen müssen. Kaddish für meinen Griechisch­und Lateinlehrer Heinz Imiela, der mit all seinen Platos und Herodots und Aischylosausgaben hier lebte und elend zugrundeging, nein, nicht elend, denn die Sätze seiner alten Sprachen trugen und trösteten ihn bis zum Schluß. Sum quod eris / fui quod es

Klar: Wir sind, was sie waren und werden sein, was sie sind. Man sollte öfter umziehen, dann hat man nicht solche Vergänglichkeitsgedanken. Aber melancholisch muß man nicht werden in dieser Gegend, es wächst das Rettende, man muß es nur zur Kenntnis nehmen. Und sich amüsieren, wenn junge, schwarzhaarige Damen in knallengen Jeans und Tanktops auf der Höhe Eichendorffstraße hastig in großen Taschen wühlen, trutschige Regenmäntel und Kopftücher zutage fördern und sich, während sie nach der Adresse des iranischen Konsulats fragen, in artige Muslimas verwandeln. Und immer wieder sind da vielversprechende Bäuche, deren Inhalt nach unbegreiflich kurzer Zeit Fußball spielt und einen mit: Hallo Frau! begrüßt. Sowas kriegt man natürlich nicht mit, wenn man seine Orte oft wechselt, wie es in der sogenannten mobilen Gesellschaft geboten ist. Auch nicht die vielen, mutigen Existenzgründungen, gut, nicht alle haben in den Reichtum geführt, aber es sind doch immer wieder hoffnungsvolle Ansätze zu sehen. Antiquitäten werden ebenso liebevoll angeboten wie Trachtenklamotten, vorher wohnten da Delikatessen oder ein Versicherungsbüro, das Leben geht immer weiter, hinter der nächsten Ecke kann schon das Glück lauern. Das Glück am Dornbusch: Es kommt einigermaßen unauffällig daher, so wie es bekömmlich ist. Richtiger Protz kommt hier nicht gut an, eher eine Art Wohlhabenheit, die sich nicht aufspielt. An der rive gauche gibt es davon mehr als an der rive droite. Über Menschen, die ihren Besitz mit Natodraht und fetten Alarmanlagen zur Schau stellen (auch solche wohnen hier) – wird sehr gelacht. Die Alteingesessenen wissen über die betreffenden Großtuer köstliche Skandalgeschichten zu erzählen und dem Hund wird die nötige Zeit gelassen, an grade diesen Mauern das Bein zu heben.

Warum man hier so lang geblieben ist? Warum man selbst in den Paradiesen der Erde dieses ruppige Stück Frankfurt nicht vergißt? Vielleicht, weil es einen nicht anstrengt. Es ist häßlich, aber menschenfreundlich. Es hat viel gnädiges Grün, gut, nichts wirklich aufregendes, einfache Leute­Kinder­und Hundeparks. Es hat eine Menge Traumpotential. Man kommt hierher und denkt ans weggehen, man hält es für eine Durchgangsstation, gute Verkehrsanbindung, gute Wohnungen, ganz akzeptable Läden. Wie gesagt, nichts aufregendes. Irgendwann wird dann das Stückchen Dornbusch, in dem man sich eingerichtet hat, unverzichtbar. Man kann weg, denkt man immer noch, es hält einen hier ja nichts. Das stimmt aber nicht. Mich hat hier etwas mächtiges gehalten, ich habe keine Ahnung, was. Vielleicht die wachsende Einsicht, einst sowieso wegzumüssen. Warum also nicht bis dahin hier bleiben?