Nach vierzig Jahren
Eröffnungsbemerkungen zur Ausstellung über 68
So war es – war es so?
Dies wird kein Manifest, ganz bestimmt nicht. Kein teachin, keine Schulung nur ein paar eher erstaunte Gedanken, wie um Himmels willen es passiert sein kann, daß es nun im Museum gelandet ist, das Jahr. Einfach ein Jahr – seine Attribute bekam es ja erst später.
Das offenbar nicht totzukriegende Jahr Neunzehnhundertachtundsechzig ist meiner Erinnerung nach nicht schneller und nicht langsamer vergangen als die Jahre davor oder danach. Achtundsechzig hatte siebenundsechzig begonnen, oder eigentlich fünfundsechzig, für mich war es vierundsiebzig aus mit achtundsechzig. Bei anderen hatte es früher ein Ende und bei manchen hat es offenbar bis heute nicht aufgehört. Man sieht das an einer gewissen unerbittlichen Jugendlichkeit mit Haartrachten, denen das Grundmaterial ausgegangen ist und anderen modischen Mutproben.
Achtundsechzig ist zu einer Art Flohmarkt geworden, das ist nicht schlimm. Wenn man den Tod bedenkt, wird letztlich alles zum Flohmarkt. Heute aber sollen wir die edlere Form des historischen Tableaus betreten: Das Museum. Es wird niemanden erstaunen, daß es für einen lebenden Menschen ein sonderbares Gefühl ist : Man sieht ein Stück seiner eigenen Jugend, das längst in den Nebeln des Lebens, der Erfahrungen, des Alters und in diesem Fall vor allem der Legenden undeutlich geworden ist, als Präparat wieder – gleichsam ausgestopft. So überdeutlich in einer Pose festgehalten wie ein ausgestopftes Tier, die Gefahr dabei ist aber, daß das musealisierte Lebenssegment genau so tot ist. Für ewig in interpretatorischer Starre gefangen.
Es ist so viel geschrieben worden, grade in letzter Zeit, über dieses Jahr, das auf dem die Alten sitzen wie Geizhälse und ihre Deutungshoheiten verteidigen. Merkwürdigerweise hat vieles von dem Geschriebenen einen erbitterten Unterton, manchmal einen larmoyanten. Aber es steht mir nicht zu, über diese späten literarischen Verarbeitungen und Abrechnungen zu reden. Ich habe wenig davon gelesen, und das wenige hat mir gezeigt: Es ist wie bei einem normalen Familienfest: Ein und die gleiche Geschichte, von drei verschiedenen Tanten und Onkeln erzählt, wird zu drei völlig verschiedenen Geschichten, und die Nichten und Neffen langweilen sich. Achtundsechzig ist ein Konstrukt: Deswegen darf es ins Museum. Es ist ein Sack, in den viel hineinpaßt, wer hätte das achtundsechzig gedacht? Sie werden verzeihen, daß ich in der mir vorgegebenen Viertelstunde diesen Sack nicht aufbinden und ausschütten will– im Museum wird einiges vorzufinden sein, die etwas rührende Anmaßung, die falschen Götter, die sattsam bekannten Ikonen.
Was man nicht ins Museum tun kann, weil es sich wohl entzieht, ist das Gefühl, Teil eines Organismus gewesen zu sein, der langsam sichtbar und hörbar wurde und das von sich selber nicht geglaubt hätte. Das war erstaunlich, erinnere ich mich, und an Splitter dieses Gefühls: Eine Demo am amerikanischen Konsulat zum Beispiel, man saß auf einem Mäuerchen und eine Frau schrie wütend aus dem ersten Stock: Sie sitzen auf meinem Besitz! Unser Gelächter danach klingt mir heute noch schön in den Ohren. Ich wäre vorher nie auf die Idee gekommen, mich über das Wort „Besitz“ vor lachen zu biegen.
Aber: Keine Anekdoten. Das habe ich mir vorgenommen, denn Achtundsechzig, was immer es war – ein Anekdotengebirge war es allemal. Und wenn sich die Helden von damals jetzt in dröhnender Zerknirschtheit zu Sündern erklären, hat das auch etwas Anekdotisches und nimmt sich viel zu wichtig. Gibt es jemanden, der sich an unsere Feiern "25 Jahre Achtundsechzig" erinnert? Ich glaube, das war im Römer. Auch nicht übel und nicht frei von Komik. Schon erstaunlich, auf wie vielen Wegen man es in den Römer schaffen konnte! Damals habe ich gesagt, Achtundsechziger sei doch kein Beruf. Mittlerweile bin ich da nicht mehr so sicher. (Generation Golf zu sein ist allerdings auch keiner, der Begriff hat es aber nicht zu vergleichbarer Dauerpräsenz gebracht, was die Angehörigen eben jener Generation, glaube ich, erbost). Epochen veralten, das liegt in ihrer Natur. Das sanfte Licht der Verklärung kann zwar die Falten mildern, es bringt sie aber nicht zum Verschwinden. Die Zeit, die jetzt, heute, ins Museum gesteckt wird, ist zwischen Verteufelung und Verklärung irgendwie steckengeblieben, ich fürchte, das wird sich auch nicht ändern. Vielleicht grade dann nicht, wenn man sie selbst erlebt zu haben glaubt (ich sage, erlebt zu haben glaubt, denn das behauptete Große Ganze sieht man beim Leben nicht und spürt es auch nicht, deswegen mißtraue ich Resumees immer, und nichts ist so zu Tode resumiert worden wie dieses verdammte Achtundsechzig!).
Es ging, mehr als die Wissenschaft das wahrhaben will, um das Phänomen Jugend. Erst einmal ohne vordergründig politische Konnotation: Es hatte ja lang keinen Wert und keinen Reiz, jung zu sein. Am Beginn des letzten Jahrhunderts ließen sich die jungen Intellektuellen Bärte und Bäuche wachsen, um ernst genommen zu werden. Das Ziel aufs innigste zu wünschen hieß Erwachsensein, tausendfach ist das literarisch belegt: Jugend war Tragödie, Frühlings Erwachen eine schwierige Angelegenheit, umzäunt von Verboten und Zurichtungen wuchs das Menschenpflänzchen vor sich hin. Die Jungen damals, wir, haben mehr oder minder unbewußt die Macht unsere Spurenlosigkeit entdeckt. Mündig, aber ohne braune Flecken. Handlungsfähig, aber ohne Naziverkrüppelungen. (Das wird jetzt mancherorts anders gesehen, ich weiß. Nach vierzig Jahren kann ich aber diese nachgetragene Interpretation nicht ganz ernstnehmen). Und ich denke, es begann eine bis dahin nicht gekannte Ausdehnung des Jungseins. Je mehr die Alten, die Schuldigen also, ihre Macht über den Alltag zu behaupten versuchten, desto entschlossener entriß man ihnen, was sie fest in Händen zu halten glaubten. In aller Eile und manchmal ziemlich schlampig wurden alle möglichen Felder besetzt, Erziehung und Kunst und Geschlechterkampf und Theater und natürlich die Universität. (Ich darf vielleicht anmerken, daß an der Universität Mainz, an der ich damals zu studieren versucht habe, Frauen nicht zum philosophischen Oberseminar zugelassen wurden. Der Mainzer Oberphilosoph Fritz Joachim von Rintelen meinte, daß für Frauen das Proseminar reiche. Lehrerin konnte man damit werden und das war schließlich genug.) Dies nur als Illustration zu dem spaßigen Spruch vom Muff von tausend Jahren, der nun museal zu bewundern sein wird. Wir hatten ihn riechen können, diesen Muff.
Am topos Achtundsechzig hat mich immer gestört, daß in ihm so viel Widersprüchliches zusammengebunden wird, das schon damals nichts miteinander zu tun haben mochte. Mir zum Beispiel waren sämtliche KGruppen so fremd wie der Mond. Und verdutzt nehme ich zur Kenntnis, daß Herrschaften, die mir als schneidige KGrüppler gut in Erinnerung sind, jetzt alles – auch das, was sie gar nicht kannten – entschlossen in die Gegenrichtung harken. Dieses merkwürdige Jungsein der damaligen Zeit war nämlich über keinen Kamm zu scheren. Und ob jemand fünfzehn, fünfundzwanzig oder dreißig war – und sich jetzt zu den Achtundsechzigern addieren läßt – macht einen Riesenunterschied. Ob einer in der Lehre, an der Uni, im schwäbisch – protestantischen Elternhaus, am Theater, in der Großstadt oder auf dem Dorf war: Etwas gerochen und gespürt haben wohl alle, obwohl die Kommunikation von heute noch in weiter Ferne lag. (Wie es wohl gewesen wäre: das ominöse Achtundsechzig im Netz? Demo mit Fotohandy?)
Vielleicht war es die letzte Ikonen produzierende Zeit, in krudem Schwarzweiß, ohne postproduction oder hundertausendfaches Umwälzen in den Medien. Kann sein, daß ich das nur denke und längts eine neue Art von Authentizität lebt, an die ich nicht glauben kann, weil ich sie nicht verstehe. Kann alles sein. Es stellt sich die Frage, wie lange man noch auf dieses von den Spinnweben der Beschwörungen umwickelte Jahr zurückzukommen wünscht? Ich muß zugeben, daß mich eine Ankündigung (und im Papierproduzieren sind die heutigen Interpreten den damaligen Akteuren durchaus ebenbürtig) – also eins der zahllosen Begleitprogrammangebote zu einem melancholischen und politisch sehr unkorrekten Lachanfall bewogen hat: Da steht: (und zwar auf diesem freudlos grauen und enorm zeitbezüglichen Umweltschutzpapier): DiscoParty „Children of the Revolution“ am 1. Mai im Sinkkasten Rockmusik sei der soundtrack der Protestbewegung gewesen, und so was alles, also da könnten wir hingehen und ganz zeitgemäß oder nostalgisch einen draufmachen, soweit unsere Arthrose oder die Bypässe es zulassen, deswegen offenbar steht unter der Einladung in den Sinkkasten: Der Zugang ist nicht rollstuhlgerecht. Ich weiß, es gehört sich nicht, darüber zu lachen. Ich fand es trotzdem ganz wunderbar, und daß dann immer wieder von der Bewegung die Rede ist, gibt der Sache noch eine etwas schräge Würze.
Vielleicht muß man ja dankbar sein, daß die eigenen Erinnerungen schon bei Lebzeiten ins Museum dürfen. Und vielleicht ist es auch schön, daß der Sommer für manche nicht zu enden scheint. Es hat jedenfalls in keiner Epoche ein so heharrliches Drinbleiben wollen eines Teils ihrer Teilnehmer gegeben. Immer wieder wird das Recht – oder Unrecht gehabt haben überprüft, aus Saulussen werden Paulusse allerdings umgekehrt, offenbar ist es furchtbar schwer, sich vom Bewußtsein, man könne die Welt beurteilen, zu verabschieden. Ach, die zarte Göttin Skepsis hatte schon damals schweres Spiel. Und so möchte ich schon heute meine Freude anmelden auf die zu erwartenden Verantaltungen im Jahre 2018, ein halbes Jahrhundert Achtundsechzig. Bis dahin wird der Sinkkasten einen rollstuhlgerechten Zugang haben. Und wenn wir nicht im Museum gestorben sind, leben wir dann auch noch. So wird es ausgehen, das merkwürdiges Märchen von Achtundsechzig.
Ich danke Ihnen.