Museum in der Schnupftabakfabrik

Eröffnungsrede Februar 2008

Meine sehr verehrten Damen und Herren, verehrte Honoratioren, die ich nicht alle einzeln aufzähle – denn vor der Geschichte sind wir alle gleich und in der sind wir heute mittendrin. Man ist in Regensburg immer mitten in der Geschichte, und es gelingt auch den furchterregendsten Touristenheeren nicht, ihre flüsternde Stimme zum Schweigen zu bringen. Sie werden verstehen, daß es mir nicht gelingen wird, das Museumssegment in der Schnupftabakfabrik nur als weitere Attraktion dieser reichen Stadt zu betrachten. Es ist nämlich hier ein Stück meines eigenen Lebens zum Museum geworden, das hat für einen mit sich selber wenig denkmalshaft umgehenden Menschen wie mich durchaus eine gruselige Komponente. Schließlich habe ich bis zur Grass´schen oder kempowskihaften Selbstmonumentalisierung noch sehr viel Zeit, wahrscheinlich – hoffentlich ­werde ich ordentlich sterben, ohne bei Lebzeiten eine Kulturmumie zu werden. Und trotzdem ist es schön, diesen alten und neuinszenierten Regensburger Geschichtenort miterleben zu dürfen, eine Offenbarung von Geheimnissen, die eigentlich keine waren, aber nachdem ihre Zeit abgelaufen war: dann eben doch. Das ist schwierig zu ergründen, ich wills aber versuchen:

Die Schnupftabakbabrik war in meiner Kindheit ein ganz normaler Ort. Da ist gearbeitet worden, es gab eine Hierarchie und einen obersten Gott, der hieß Otto Christlieb. Der Untergott war mein Onkel Hans Weiß und seine gute Seele, rechte und linke Hand und die Königin der Leberknödelsuppe, das war Fräulein Auburger, genannt Clara. Es gab Tabakarbeiterinnen, deren Wochenlohn sich die Männer am Tor abholten und es gab Fräuleins im düsteren, holzgetäfelten Sekretariat. Das waren alles höchst lebendige Menschen, die ich oft gesehen habe. Es war normal, daß die kostbaren chinesischen Tabakfläschchen ziemlich ungeschützt in Vitrinen standen und daß alle, die Götter, die Fräuleins, Clara und die Arbeiterinnen in den gleichen unglaublichen Duft eingehüllt waren. Natürlich, das wußte ich, war es nicht der Tabak, der so exotisch und herrlich roch, sondern die Soßen, mit denen er fermentiert wurde. Das war alles normal, lebendig und ich dachte, es würde nie enden. Nicht die freitäglichen festlichen Essen, nicht die auch tagsüber brennenden Lampen, nicht die Winterkälte und die Sommerkühle, nicht der Vorplatz mit der einen losen Fliese, nicht das Kommen und Gehen in den unteren Räumen. Draußen gab es Leute, die schnupften viel Tabak und auch die würde es, dachte ich, immer geben. Das war nicht so, Sie wissen es, es hatte ein Ende und wurde sachte zu Geschichte, und weil das Haus in jeder Hinsicht so außergewöhnlich war, erwies sich die Bewahrung als schwierig. Vor zwanzig Jahren habe ich schon einmal eine Abschiedsklage geschrieben, da nannte ich das Haus einen Saurier, der nicht leben und nicht sterben kann. Nun lebt er aber doch wieder und hat in seinem Inneren ein Museum ­wie ein kleines, versteinertes Saurierei.

Es gibt, wie wir wissen, zweierlei gute Konservatoren, die Gleichgültigkeit und die Liebe. In der untergegangenen DDR konnten wir sehen, was für unglaubliche Schätze die Gleichgültigkeit für die Nachwelt aufbewahrt hat. Mit dem Zandthaus wars lange Zeit nicht anders. Keiner kannte es wirklich und keiner interessierte sich dafür. Eine riesige Geschichtsraumkapsel lag mehr oder minder unbeachtet mitten in der Stadt. Ein bißchen störend, verstörend auch. Es blieb nicht so, wir alle wissen es, und nun ist es ein Haus geworden, in dem wieder gelebt wird. Das ist gut, auch wenn ich die Schlupflöcher noch nicht kenne, in die sich meine Geister fürs erste verkrochen haben. Denn, so furchtbar es klingt: Ich bin übrig, von damals. In mir sind die Geschichten aufgehoben, jedenfalls die aus der jüngeren alten Zeit. Wo mögen die aus der alten alten Zeit geblieben sein? Denn Tabakfabrik: Das war ja nur eine Spanne im Leben des Sauriers, wenn auch keine ganz kurze. Das Museum zu haben ist gut, denn Geschichten brauchen Bilder. Aber Gegenstände aufzubewahren und ansprechend zu präsentieren genügt nicht, besonders nicht in diesem Fall, da – und das gibt es sehr selten – in einem bewohnten, belebten Komplex ein Fenster in dessen Vergangenheit aufgemacht worden ist. Ein Museum, ein document wie dieses darf kein Sarg sein, sondern muß ein Tanzplatz der Gedanken und Erinnerungen werden. Gegenwärtig genug ist ja vieles noch, die Nähe von Arbeiten und Wohnen, die verblüffende Brauchbarkeit alter Technik. (Ich habe die Geschichte über den Aufzug oft erzählt. Er stammte von achtzehnhundertirgendwann und streikte niemals. Für seine alljährliche technische Abnahme bekam der Herr vom TÜV jedesmal eine Flasche Schnaps.)

Ob die, die hier jetzt wohnen ahnen, wieviel gelebtes Leben in diesen Mauern steckt und manchmal rauswill? Die Menschen, die hier gearbeitet, geliebt, gehaßt, gefeiert, gelacht und geweint haben, die hier auf die Welt gekommen sind und sie wieder verlassen haben – sie haben ein Recht auf unsere Neugier. Das nämlich ist sichtbar gemachte Geschichte, und unsere Neugier ist deren Lebenselixier. Ich habe es immer gewußt: Dieses Haus, dieses ungeheure Gemäuer, dessen Dimensionen einer fernen und wilderen Zeit geschuldet sind, ist für Überraschungen gut. Das war mir schon als Kind klar, als ich den Raum mit den Glasscherben aus dem Mittelalter entdeckte, das Zimmer mit den hundert Tapeten übereinander oder später die leuchtenden Fresken, die aus den Löchern im jahrhundertealten Putz guckten. Es war lang allein mit seinen Wundern, dieses Haus, das war gut, die Gleichgültigkeit, von der ich vorhin sprach, war kein schlechter Konservator. Jetzt aber soll es die Liebe sein, die dankbar erkennt: Dies ist ein Haus wie keines! Und in seinem Inneren zeigt es: Ein Stück seiner Geschichte!

Ich danke Ihnen.