Mein erstes Buch

Nach dem ersten Buch fragt einen keiner. Jedenfalls nicht, wenn man nicht Fußballspieler, Schlagerstar oder in Rente geschickter Politiker ist. Niemand ist da, der dir nach drei oder dreißig Seiten sagt: Du, das wird ein Buch! Und wenn dich selber das Gefühl beschleicht, es werde eins, was man da in Wochen und Monaten aufgeschrieben hat, holen einen andere wieder auf den Boden zurück.

Bei mir ging das so: 1977 kündigte ich meinen sehr netten und ebenso festen Job beim Hessischen Rundfunk, nicht zu Unrecht verlangte mein damaliger Chef dafür eine Begründung. Ich gab ihm mehrere, Freiheit und Selbstverwirklichung, was man eben damals so sagte. Als ihn das nicht beeindruckte, griff ich zur Trumpfkarte: Und außerdem schreibe ich ein Buch! Er beugte sich vor, tätschelte mir kurz das Knie und sagte: Aber Kindchen, das tun wir doch alle!

Der Satz lehrte mich Zurückhaltung. Es war Frühjahr und es kam ein unvergeßlicher Sommer, den ich zum größten Teil auf einer Holzbank im struppigen Garten eines Vogelsberger Bauernhauses verbrachte, vor mir die Reiseschreibmaschine und neben mir einen sachte wachsenden Stapel Papier. Leider kann ich vor Schreibqual und zerkauten Nägeln, Gram im Herzen und fressenden Selbstzweifeln nichts berichten: ich hatte Geschichten, die sonst niemand erzählen konnte, weil keiner mehr da war, der von ihnen wußte. Es gab niemanden, der nach ihnen fragte, also auch niemanden, der mich hätte unsicher machen können. Zum erstenmal in meinem Leben tat ich etwas vollkommen Unverlangtes. (So heißen die dann auch: Unverlangt eingesandte Manuskripte. Das ersparte ich meinem, wie man sehen wird.). Ich diente keinem Zweck, ich erfüllte keine Pflicht, ich war das, was ich machte, niemandem schuldig. Um mich herum gab es nichts als den rauen Vogelsberger Sommer. Die beiden Schafe des Nachbarn schauten mir zu, während sie unser Salatbeet leerfraßen. Es war eine wunderbare Zeit. Vielleicht ist man nie mehr so bei sich wie beim ersten Buch, diesem Buch, nach dem einen keiner gefragt hat.

Während ich schrieb, in den sogenannten Waschteichen schwimmen ging, schrieb, Apfelmus kochte, schrieb und abends in der Dorfkneipe lernte, wie man Kümmerling trinkt, saß nicht weit weg in einem anderen Bauernhaus in einem anderen Dorf einer und schrieb auch. Mein Kollege Valentin Senger arbeitete an dem Buch, das dann unter dem Titel „Kaiserhofstraße 12“ berühmt werden sollte. Es war wie bei mir sein erstes Buch, auch ihn hatte niemand danach gefragt, aber das blieb nicht so: Er erzählte uns davon, er las vor, und wir fragten! Wir fragten viel, je mehr uns von seiner unerhörten Geschichte zu Ohren kam. Familie und Freunde nahmen an seinem dramatischen und rührenden Bericht von der listigen Errettung der Familie Senger in der Nazizeit teil. Komischerweise war ich nicht neidisch auf seine Nicht­Einsamkeit. Im Gegenteil, ich genoß die Gespräche und freute mich, wenn Vali temperamentvoll vorlas, um Rat bat, Möglichkeiten erörterte. Das ging oft bis spät in die Nacht und es war ein Geschenk, beim Entstehen dieses Buchs zuschauen zu dürfen.

Es kam mir merkwürdigerweise nicht in die Quere. Ich war vollkommen zufrieden mit dem somnambulen Zustand, in den ich mich jeden Tag fallen ließ, weit weg von allem, das etwas von mir hätte verlangen können. Das Schreiben war der luxuriöseste Autismus, den ich je erlebt hatte, ein gefährlicher, verführerischer und vollkommen verantwortungsloser Zustand. Nicht eine Sekunde dachte ich damals daran, die Sache zu einem Ende bringen zu wollen. Auch mögliche Leser oder Beurteiler kamen in meinen Gedanken nicht vor.

Natürlich konnte das kein Dauerzustand sein, ich mußte ja Geld verdienen und hatte einen Freund, Freunde, Familie, Tiere, kurz: Alltag. Vali war irgendwann mit seinem Buch fertig. Diese außergewöhnliche Geschichte war nun aufgeschrieben und mußte, fand ich, möglichst schnell in die Welt. So nahm ich sein Manuskript unter den Arm, ging zu Peter Härtling, der damals im Autorenbeirat des Luchterhand­Verlags war und sagte: Herr Härtling, entschuldigen Sie, ich habe sowas noch nie gemacht, aber ich finde, Sie sollten das lesen und dafür sorgen, daß es gedruckt wird.

Genau das tat Peter Härtling, gepriesen sei er, und Vali hatte zehn Tage später einen Vertrag. Einen Vertrag über ein Buch! In meinem Herzen begann ein winziger Wurm zu nagen. Mein Papierstapel war nur noch unwesentlich gewachsen. Es gab zur Feier des Vertrags natürlich ein Fest, ein Essen mit Valentin und Irmgard Senger, mir, der Kurierin, Peter Härtling und dem zukünftigen Lektor für Valis Buch ( Lektor! Er hatte jetzt einen Lektor! Wie das klang, so dazugehörend!). Die Feier war, nie werde ichs vergessen, beim Schnecken­Pit in Messel. In Messel wohnte auch jener Lektor, Thomas Scheuffelen. Zu ihm zogen wir weiter, und es war dort, wie man sichs vorstellt, eine Höhle aus Büchern, ach! Nüchtern war keiner mehr von uns, Literatur und Bergsträsser Wein ergeben zusammen eine besonders schöne Besoffenheit.

Spät in der Nacht faßte ich mir ein Herz und sagte zu Herrn Dr. Thomas Scheuffelen: Entschuldigen Sie, ich hab sowas noch nie gemacht, aber ich wollte Ihnen was sagen… Er unterbrach mich, seine Miene hatte sich verdüstert, auch glaubte ich, in seinen Augen Müdigkeit zu erkennen: Sie haben auch was geschrieben, sagte er mit Überdruß in der Stimme. Ich habs mir doch gleich gedacht.

Dennoch hatte ich zwei Wochen später einen Vertrag, oh Wunder. Und einen Lektor. Jetzt mußte ich nur noch fertig werden.