Ein ganz anderer Weg
auf die Wartburg
Rede zum 3. Oktober 1990,
gehalten im Reichssaal der Stadt Regensburg
Liebe Frau Oberbürgermeisterin,
verehrter Stadtrat,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
es ist ein sonderbares Gefühl, heute, zum Tag des Endes der Nachkriegszeit, hier in meiner Geburtsstadt Regensburg zu Ihnen sprechen zu können — als schlösse sich ein Kreis oder als münde ein langer, verzweigter und unübersichtlicher Fluß endlich in den Ort seiner Bestimmung. Ich kann Ihnen dennoch keine besonders patriotischen, keine dröhnend eroberungswilligen, ja, nicht einmal eine den strapazierten Begriff des Historischen abdeckende Rede versprechen — es wird bestimmt, im klassischen, strengen Sinn, überhaupt keine »Rede« — nur ein Versuch, gemeinsam und mit der notwendigen stillen Skepsis neben aller Freude darüber nachzudenken, was zu uns gekommen ist und wie allzu große Verletzungen vermieden werden könnten. Denn unter den schwarzrotgoldenen Balkenüberschriften, dem fußballtrunkenen Geschrei, dem »Einig« und »Ein Volk« und »Das Volk«, unter den in immer rascherer Folge einherjagenden historischen Stunden, Momenten, Tagen, Zeiten — oder welche Zeiträume für passend erachtet wurden, dem berühmten Mantel der Geschichte zu lauschen — unter all dem waren Angst, Unsicherheit, Eigennutz und Trotz versteckt. Erfahrungsgemäß ist es nicht gut, wenn über derlei Gefühlen der Deckel aufgezwungenen Jubels festgehalten wird: Besser ist, in uns und um uns herum nachzusehen, was geschehen ist, uns und denen, die noch bis vor einem knappen Jahr keines von den Rechten der anderen europäischen Nachbarn hatten, und die nicht, wie immer behauptet wird, vierzig Jahre Diktatur hinter sich hatten, sondern sechsundfünfzig. Beschwörungsformeln und Besserwisserei nützen da gar nichts, auch nicht die herablassende Ungeduld, mit der ich bei meinen Reisen immer wieder zu kämpfen hatte — nicht nur bei meinen westlichen Mitreisenden, sondern (zu meinem Schrecken) bei mir selber auch.
Der Geschwindigkeit, der Effizienz, dem Erfolgsdenken haben wir hier in den letzten Jahren — ohne es zu merken und vermeintlich durchaus kritisch — viel mehr Raum gegeben; auch sehr viel mehr von uns, unserem Leben und unserer Substanz, als wir wußten. Die ersten Begegnungen mit den anderen Ländern, gezwungen langsam auf holprigen Straßen, was ich durchaus nicht nur wörtlich zu verstehen bitte — waren wie ein Blick in einen alten Spiegel, einen jener Spiegel, die schmeicheln, weil das Glas nur die Konturen und schönere Farben zeigt. Bei mir ging jene erste Reise nach dem Fall der Grenze nach Eisenach, und von ihr werde ich Ihnen anschließend — anstelle historischer Beschwörungsformeln — erzählen. Aber gestatten Sie mir vorher noch einige Gedanken zur Fremdheit und zur Vertrautheit.
Vielleicht ist meine Generation — knapp vor oder nach Kriegsende geboren — die einzige, die eine Art unschuldigen Schmerz in sich spürte und immer wieder erstickte — wir wußten um die Grenze, aber wir hatten sie nicht verursacht und infolgedessen das Verursachen auch nicht verdrängt. Wir bemühten uns um Kontakte. Wo immer wir standen, nicht nur in jenem vielfach wichtigen Jahr Achtundsechzig, war diese Grenze und das, was hinter ihr geschah, eine Herausforderung. Sie zu überwinden (wenn auch anders, als man sichs damals hätte träumen lassen), war wichtig: vom Antifaschismus zu lernen. Wie auch immer, das fremde Deutschland zwischen Thüringen und Ostsee war in unseren Köpfen, wir kannten es nicht wirklich (wie die Älteren), es war uns aber auch nicht gleichgültig (wie den meisten der Jüngeren). Eine schwierige, von Irrtümern, Träumen und Neugier gesäumte Angelegenheit war die Beziehung meiner Generation zum abgesperrten Deutschland. Ich war beruflich öfter in der ddr. Ich habe versucht, es zu vermeiden, weil ich gegen Kasernenhofton, Bevormundung und Bürokratie immer schon allergisch war — egal, wer sie anwandte, diese Erbteile, von denen wir verblüfft feststellen können, daß sie drüben weit stärker und verwechselbarer konserviert worden sind als hier. Jetzt zu reisen ist etwas ganz anderes. Die Geschwindigkeit, mit der diese furchtbaren Befestigungsanlagen verschwunden sind, erscheint unwirklich. Mit der Wirklichkeit all dessen bis heute werden wir noch lang unsere Probleme haben, und die anderen, die jetzt nicht mehr die anderen sein sollen und wollen und dennoch für lange Zeit andre werden bleiben müssen — die auch. Es ist eigentlich eine Zeit der Zwischentöne, der gebrochenen Farben, der etwas zögernden Nuancen. Allzu leicht wird es sein, gepanzert mit den sogenannten besten Absichten dort einzuziehen und eine Dressur auf die Beine zu stellen, die sich gewaschen hat. Viele werden, den neuen Markt im Auge, dafür die besten Argumente haben. Das wäre zu kurz gedacht und auch zu herzlos. Der Prozeß des Sich-Aufrichtens wird länger dauern, Mut und Selbstvertrauen wachsen nicht so schnell, wie die Menschen es sich wünschen. Rückschläge und Trotz wird es geben, das ist normal. Es geht nicht um die Überführung der Hölle in eine Paradiesgesellschaft mit beschränkter Haftung, aber unsere Boulevardpresse tut so, als gäbe es das.
Rezepte, wie Vernunft und Freundlichkeit einen Platz in der allzu stürmischen Entwicklung finden könnten, sind nicht leicht zu finden, aber es könnte sie geben, machte man sich die Erkenntnis des Philosophen Leopold Kohr zu eigen, daß nur mit der Konstruktion kleiner Einheiten menschenwürdige Ergebnisse zu erzielen sind und nicht mit der totalen Vereinheitlichung durch Großkonzerne.
Gerade hier, in meiner aus der Ferne heißgeliebten Vaterstadt, müßte auch die Erkenntnis auf freundliche Aufnahme stoßen, und zwar quer durch alle Parteien: Menschen haben ein Recht auf ihre regionale Identität, die nichts anderes sagt als ein Recht auf Heimat.
Die eigenen Orte (die inneren und äußeren) zu verachten, kann nur Unglück und Aggression erzeugen — und auch der dumpfe Nationalismus, vor dem so viele — hier und in der europäischen Nachbarschaft — Angst haben, entsteht auf der Grundlage latenten Selbsthasses und verdrängter Selbstverachtung. Ein Mensch, der seine Umgebung kritisch liebt und sich in aller Autonomie in ihr wohl fühlt, weiß genau, daß er selbst Ausländer ist — und zwar an allen anderen Orten dieses Erdballs außer in seiner unmittelbaren Umgebung. Die unaufgeräumten Gefühle und ihre versteckt oder offen brutalen Äußerungen rühren aus einem zu geringen und nicht aus einem zu großen Selbstbewußtsein. Unterdrückung, Angst und Demütigung sind ihre Wurzeln. Der nationale Größenwahn läßt sich nur durch Selbsterkenntnis und Gelassenheit, nicht durch Dekrete oder Lippenbekenntnisse eindämmen. Um gegen die sozialen, aber auch intellektuellen Verwerfungen ein bißchen anzureden, die viele Besonnene fürchten und die so gering wie möglich zu halten unsere Aufgabe sein wird (was wir mit Sicherheit nicht mit der Dauereuphorie der letzten Monate bewältigen können), will ich eine Reisegeschichte erzählen, eine kleine Reisegeschichte, die viele Reisen in einer beschreibt:
Eine erste und zweite Reise wie die nach Eisenach führt in immer die gleiche und doch immer in eine andere Stadt — es ist eine Reise zu einem bisher nur von fern bewunderten Symbol. Der Weg sei das Ziel, heißt es in einem dieser Sinnsprüche, die immer so toll klingen, aber doch auch ein wenig neblig sind. Für mich war das Ziel eine Aufmunterung zu weiteren Wegen, denn ich bin ganz sicher, daß die wesentliche Eigenschaft, mit der wir eine unaufgeregte Annäherung erreichen können, die Neugier ist.
Wir dachten immer, nur die müßten auf uns neugierig sein und auf all unsere bunten Schätze der Verbrauchsgesellschaft — aber in Wahrheit können wir auf die und deren Orte neugierig sein wie auf unsere eigene Kindheit, trotz aller Finsternisse (die gibt es in Kindheiten auch). Lassen Sie mich Ihnen ein wenig von meiner Neugier abgeben!
Ein ganz anderer Weg auf die Wartburg
Der Weg ist bekannt: Aber den Grenzübergang Herleshausen, nein, Herleshausen nicht — diese martialische Festung haben wir oft überwunden, demütigen Gesichts, mit unterdrückter Wut gegen die männlichen und weiblichen Vopos, die verbieten konnten, was immer sie wollten: Kriminalromane, Zeitungen, lautes Gelächter (das dann auch wie von selbst im Halse steckenblieb). Spiegel schieben sich unter das Auto, »machen Sie da mal auf!« Oft und oft den renitenten Blick hinter Sonnenbrillen versteckt: »Nehmen Sie die Brille ab!« Einmal, auf einer anderen Reise, hatte sich grade der Magdeburger Dom im Zugfenster wie in einem halbblinden Bild gezeigt, da kam ein kindergesichtiger Grenzer ins Abteil und verlangte den Paß. »Eigentlich«, sagte ich, »will ich grade jetzt und hier keinen Paß haben müssen!« — »Sie haben keinen Paß?« fragte er zurück und wuchs ein wenig, blähte sich gleichsam obrigkeitlich auf— »ist schon gut, da ist er!« sagte ich. Es war eine Niederlage, mikroskopisch klein, aber noch lange störend wie ein Sandkorn im Schuh. Es war eine andere Reise, ein anderes Land, eine andere Zeit: Ein Jahr zuvor. Nein, nicht Herleshausen. Fahren wir über Philippsthal, wo nicht so viel Grenze und Befestigung zu sehen sein wird. Wir wollen Philippsthal, das von seiner kurzen, traurigen Berühmtheit als Heimat der Kindesmörderin Weimar noch immer nicht genesen ist, eigentlich nicht besuchen. Hier schämt man sich seiner unwillkürlich neugierigen Blicke, die sehen, was jeder sehen kann — einen Ort im toten Winkel, eine Ansammlung von völlig gesichtslosen Häusern, eine Grube, die weißen Salzkristalle am Grunde der glasklaren, toten Werra. Ein schöner Klosterhof—nun sind wir doch drin und drücken uns an der Grenze herum, ohne sie zu sehen. Doch, da — auf dem gebuckelten Sandsteinbrückchen hockt grau ein Wachturm in der Sonne, so absurd, wie konnte der je bedrohlich sein? Im November gab es noch etwas Draht am Weg und einen Container für die Grenzer, die unablässig lächelten, als hätten sie es frisch gelernt, und einen Stempel hatten sie, den sie handhabten, als sei der Paß eine Jubiläumspostkarte. Jetzt, im September danach, ist alles weg, nur Straße und Ortsschilder mit merkwürdig ungewohnten Namen. Wie weit nach Eisenach? Wir wissen es, »bei unseren Straßen hier ne gute Stunde«, hatte der seiner Arbeitslosigkeit entgegenlächelnde Grenzer damals gesagt. Vacha, Oberzella, schwarze Kühe vor gelb rauchenden Schloten, na, Gottseidank, wenigstens davon hat man ja gehört. Aber daß die Straße mit den darübergeneigten Bäumen so schön sind, jetzt im späten Sommer, davon hörte man weniger. Nur, wie unzulänglich sie seien für die Autos, die jetzt gekauft und gefahren, herurngezeigt und gewienert werden. Fahren als heiligstes Recht, und in jedem Dorf sind ganze Herden viel zu teurer Gebrauchtwagen versammelt, behütet von den Nachfahren der Roßtäuscher aus dem Westen. Nie wird man die unwahrscheinlichen Trabifarben wiedersehen, jenes karibische Türkis zum Beispiel, mit dem sie bescheiden und giftig über die buckligen Straßen zockelten. Zockeln will keiner mehr, nur wir, der Eile müde. Vielleicht sollte man einfach die Bevölkerung komplett austauschen? An ein Jugendheim an der Straße, von fortschrittlicher, selbstbewußter Häßlichkeit, steht geschrieben: »Ein Mensch. Wie stolz das klingt.« Drunter: »Maxim Gorki«. Ob sie das dranlassen werden? Dunkler Wald, dunkler Tunnel, dunkler Himmel. Ein buntes Plakat. Ein Westkandidat. Am ho-Restaurant Jägerklause hängt das bekannte Schild »Wegen Renovierung geschlossen«. Aber aus Bretterstapeln und Farb töpfen läßt sich die Hoffnung ableiten, daß es diesmal vielleicht Wahrheit wird.
Fühle ich mich fremd? Nicht mehr so verlegen — fremd und gerührt wie im letzten November, als man mich auf Transparenten brüder/schwesterlich begrüßte und an jedem dritten Haus Nahrung und Wohnung angeboten wurde; die Transparente sind verschwunden, die Verwandtschaft in der Zwischenzeit doch als eine sehr entfernte erkannt. Da steigt sie plötzlich vor uns auf, die Wartburg, unversehens, für diesen Augenblick der schutzlosen Überraschung sind wir ganz allein mit ihr, unter dem dichten Blätterdach hervor dieser Blick in den Himmel. Wolken jagen hinter ihr vorbei, wie es sich gehört. Walther von der Vogelweide hätte bestimmt keine Wolken jagen lassen, dazu war er zu dezent, Wagner aber schon. Nun jagen sie also, und hinter uns hupt einer, blindes Volk — oder ein Einheimischer. Sehr geschichtsträchtige Städte, die für die säkularisierte Wichtigkeit, also die Industrie und das Gewerbe, nichts bedeuten, sondern einst spiritueller Mittelpunkt vieler Welten waren, haben etwas Betäubtes, wenn sie so daliegen, das Alltägliche krabbelt in ihnen herum und scheint sie zu irritieren. Der Marktplatz von Eisenach ist vollgestopft, Autos und Marktstände, kleine, zarte Polizistinnen versuchen streng zu schauen, aber das kauft ihnen keiner ab, und dann lächeln sie wie erleichtert. Ja, es wird renoviert, eine arbeitsame Musik aus Schlagbohrern, Kreissägen und Hämmern durchzieht die Stadt, und Läden, die ich im letzten Winter noch leer und verrammelt gesehen habe, sind wieder geöffnet, wie zum Beispiel die Fleischerei Schmalz und die Bäckerei Liebetrau, das freut mich im Vorbeigehen, schon wegen der schönen Namen. Auf dem Marktplatz ist wirklich Markt.
Eine lange Reihe von Vietnamesen verkauft Cassetten, auf denen der Ententanz zu hören ist oder Heino, Bauern flüstern miteinander über Schweinepreise, ein junges dickes Mädchen verliebt sich sichtlich in einen Minirock mit schwarzen Spitzenrüschen. Nachbarn? Wir sind Nachbarn, aber alle Beschwörungen schneller Assimilation scheinen mir plötzlich absurd. So groß ist die Betäubung, so gefährlich ist die unüberwundene Teilung. Wie einfach sind die Mauern um ein Land niederzureißen, wie schwierig die um Kopf und Seele — hüben und drüben, wohlgemerkt. Mauern: Eisenach stellt Hügel vor dir auf, du steigst rauf und runter, der tollste Berg wird noch kommen. Pustend bleiben wir an einem schönen, ermüdeten Gründerzeithaus stehen, in das ein längst verblichener stolzer Besitzer 1911 seine abenteuerliche Grammatik hat einmeißeln lassen: dies haus ist mein und doch nicht mein / wer nach mir kommt, wirds auch so sein. Später, ein wenig außerhalb, werden wir halbversteckte weiße Häuser sehen, die alle der Stasi gehört haben. Sie ist noch da, die Stasi, jeder hat sie gespürt, jeder deutete, vier Finger wiesen auf viele zurück. Ich denke an Schwere und Vielfalt der Probleme, die mit einer geduldigen Entflechtung einhergehen werden.
Im letzten Jahr hatte ich mich auf den Anstieg zur Wartburg gemacht, den klassischen Fußweg wollte ich nehmen, an dessen Bäume liebenswürdige Schulkinder kleine Zettel geheftet hatten: »noch 30 Minuten«, »noch 1600 Meter« — ach, es war sicher richtig abgemessen, aber eben doch nicht wahr. Ich konnte nicht mehr atmen, als ich sie sah, diese überaus deutsche Burg, diesen deutschen Geschichts- und Kunstberg, ich kriegte einfach keine Luft mehr, da stand sie nun und ich an der Sängereiche — und ich konnte nicht weiter, und sie schien so weit entfernt wie zuvor. Ich gab auf und trabte wieder hinunter, Steine in den Schuhen und Gram im Herzen. So leicht erobert sich eben nichts. Unten angekommen, ging ich in einen Kaufladen und kaufte für 13 Pfennig Ost ein Päckchen ata. Es war so ein blaues Päckchen wie in den Kaufläden der Kindheit, aber was wollten sie hier mit meiner Sentimentalität? Das Simple wird hier lang keine Freunde mehr haben, erst unser Überfluß macht empfänglich für die ganz alten, gleichgebliebenen Dinge. In einer Schachtel lagen gallegrüne, bittere cubanische Orangen. Jetzt gibt es alles. Alles? Ich fahre jetzt, ein knappes Jahr später, hinterrücks und faul auf die ersehnte Burg, die von Geschrei erfüllte, zum Platzen mit Schulkindern, Japanern, Engländern und besserwisserischen Landsleuten gefüllte Burg der Heiligen, der Ketzer und Künstler. Und es wird die größte Überraschung, wie deutsch sie ist. Aber vorher höre ich am Marktplatz in der Georgenkirche die strengen Orgeltöne in den Kirchenhimmel steigen.
Und ich lese voll Staunen auf einem Plakat, ganz in der Nähe des Altars: herr du hast uns heimgesucht /1933 /1939 /1945. Da ist der Schlag gegen die Diktatur in eine schlichte Zahl verpackt. Nicht gerettet hat sie der herr, 1945, wie doch viele und ich auch gedacht hatten, früher, vor langer Zeit — nein, heimgesucht. Und im Haus des herrn, in Bachs Kirche, hat sich im vorigen Jahr die Opposition immer wieder versammelt. Sie geht unglaublich nah, die Mischung aus dieser alten Musik und den überall angebrachten nüchternen Protokollen über das, was einzelne in den Monaten vor der »Wende« erduldet haben, mach uns zu boten deines Friedens.
Eine Elefantenherde von Bussen macht den Weg auf die Wartburg, an mir vorbei, ich bleibe am Lutherhaus hängen, wo bei der Familie Cotta Luther Kurrendesänger war. Luther werde ich wiederbegegnen, nicht nur in diesem Häuschen, in dem ein Fremdenführer wie ein ostdeutscher Zwerg Perkeo über Marktwirtschaft und Geschichte, Bibel und Sozialismus erzählt.
Als wir ihn bezahlen mit einem Schein, der bei uns nicht für ein einfaches Essen zu zweit reichen würde, steigt ihm das Wasser in die Augen. Im Osten haben sie ihm eine Versehrtenrente bezahlt (er hält ein dreifingriges Händchen hoch) — der Westen hat die Rente gestrichen. Es gibt eine große Armut bei den alten Leuten, die doppelt und dreifach betrogen worden sind, um Lebenszeit, um Würde, um Träume, auch um fixe Ideen. Wer hat was getan? Die Schuld wird zur Wut. alte Gruppen von Tätern finden sich neu zusammen im Zeichen der Marktwirtschaft, überall erzählen sie einem dieselbe trübe Geschichte. Wem kann man glauben? Vielleicht ist eine der lautlosesten, aber folgenschweren Tragödien in all der Vereinigung, daß viele den Trost verweigern, den die Schönheit in der Nähe spenden könnte: eine alte Allee, ein Hof, ein vergessenes Schloß oder eben die Burg. Das wollen sie alles nicht mehr sehen. Sie identifizieren sich nicht mehr mit ihrer Umgebung, sie geben sie preis, sie lassen die Kirschen im eigenen Garten verfaulen und essen die Kirschen der vermeintlichen Freiheit, die so teuer sind und auch nicht anders schmecken — oder doch? Ich weiß es nicht, auch der Luthererklärer kann es mir nicht erklären — er will sparen für die nächste Westreise. Und endlich: die Burg!
Wir finden alles in einer Mischung aus Mittelalter und romantischem 19. Jahrhundert, wie es das nur bei uns geben kann. Die Burggebände mit Palas, Rittersaal und Kemenate der Heiligen Elisabeth. Aber den mittelaltertrunkenen Geschichtsliebhabern der Jahrhundertwende war das nicht schön genug, und so glitzert alles von Mosaiken, Moritz von Schwind hat die Geschichte der Heiligen Elisabeth mitsamt dem Rosenwunder gemalt, süßer als Schlagsahne, in Puderzuckerfarben, und der Burgkonservator hat Sorge, weil die Fresken den neuen Besuchermassen nicht gewachsen sind.
Und dann das Lutherzimmer, ein winziges, karges Gemach, ein Walfischknochen als Fußbank, immerhin ein Ofen. Ein Ort, der den reinen, unabgelenkten Geist atmet. Hier hat er, getarnt als Junker Jörg, in unfaßbar kurzer Zeit, in wenigen Monaten, das Neue Testament übersetzt. Aus den Fenstern der Burg: Blicke über das thüringische Land wie Bilder, die sich Jahrhunderte lang nicht verändert haben. Goethe hat das oft gezeichnet, wenn er mit der Hofgesellschaft aus Weimar herüberkam. Man spürt trotz der Menschenmassen, wie hier die Zeiten höchster Konzentration auf Kunst und Politik und Zeiten der Fast-Vergessenheit ineinandergreifen. 1817, dreihundert Jahre nach der Reformation, das Fest der Burschenschaften, die Vorwegnahme der deutschen Einheit, überweht von der schwarzrotgoldenen Fahne. Der Festsaal zeigt sich in seiner ganzen düster-fremden Pracht. Es gehört zu unserer Geschichte, dieses Verwirrung verursachende, pathetische Gebäude, in dem die »deutsche Seele« sich in all ihren Facetten, den dunklen und den hellen, abbildet. Es macht neugierig. Man wird Walther von der Vogelweide wieder lesen, den Eleganten und Leichtfüßigen, oder sich an den Tannhäuser wagen, oder einmal wieder ein Grimmsches Märchen lesen, das Dornröschen vielleicht, dessen Burg anderswo stand, gar nicht weit von hier, aber auch die Wartburg lag im Schlaf. Was passierte beim Aufwecken? Wir erinnern uns: Der Küchenjunge bekam erst einmal die seit hundert Jahren schlafende Maulschelle — aber dann haben der Prinz und die Prinzessin doch geheiratet, und wir können nur hoffen, daß sie glücklich werden können.
Ich danke Ihnen.
einmalige Auflage von 2500 Exemplaren zum Jahreswechsel 1990/91
erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt
© Eva Demski, Frankfurt/Main 1990