Die Dichter und das Radio

Es gibt Legenden, schöne Familientableaus, die halten sich hartnäckig, so das von der Sippschaft die sich um einen Volksempfänger schart, aus dem wahlweise Führerbefehl oder Feindsender erklingt. Die Wiederholung macht das Szenario nicht glaubwürdiger, es begegnet einem aber immer wieder, ungefähr so oft wie die Entdeckung der Literatur mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke. Liebgewordene kollektive Erinnerungen, sie müssen ja nicht stimmen. Das Radio ist ein angenehmer Gefährte für Einzelgänger und kein Lagerfeuer der frühen Moderne. Wäre es das nämlich, hätte es längst ausgedudelt. So aber wird es immer wertvoller, ein Gerät, das die Funktion übernehmen kann, Einsame mit der therapeutischen Wirkung jenes ritualisierten Gebrabbels zu versorgen, für das früher die Kirche zuständig war. Das ist nicht respektlos gemeint. Töne, die einem vage vertraut vorkommen, auch wenn man gelegentlich ihren Inhalten nicht folgen mag oder kann, haben eine beschützende und tröstende Funktion. Man weiß das längst: Mangel an Bildern macht weit weniger arm und unglücklich als Mangel an Tönen. Wenn uns nichts mehr zu Gehör kommt, glauben wir, die Welt habe aufgehört zu existieren.

Die meisten Menschen denken, sie könnten nicht auf den Fernseher verzichten, das stimmt nicht. Dichter wissen das. Viele haben gar keinen, jedenfalls war das vor wenigen Jahren noch so. Indessen ist das Internet an die Stelle des Unverzichtbaren gerückt, ein akustisch eher ärmliches Medium. Auch das wird irgendwann obsolet werden, weiß der Himmel, was dann kommt, da sind die Kollegen von der science fiction zuständig. Mir ist es egal. Das Radio jedenfalls wird dem Einzelgänger, also den Dichtern, ein zuverlässiger Gefährte bleiben. Im schalltoten Raum können sich nämlich die Gedanken nicht ausbreiten, ans wachsen und blühen gar nicht zu denken. Der eine braucht dazu Vivaldi, der andere Staumeldungen, den Zuspruch am Morgen oder den Börsenbericht. Auch das seltsamste akustische Begehren wird befriedigt, man muß nur lang genug suchen. Allerdings wissen das die Programmverantwortlichen oft nicht, sie machen sich nämlich keine Gedanken über den Lebensmittelcharakter des von ihnen verantworteten Mediums! Also ändern sie Formate, verschieben das Gewohnte, schaffen es gar ab. Erfinden Sachen wie SERVICE, worunter sehr überflüssige Dinge zu verstehen sind, die darauf hinauslaufen, aus dem geliebten und vertrauten Medium ein akustisches Kindermädchen zu machen.

Radiohörende Dichter wollen keinen Service. Sie wollen zu immer gleicher Zeit die gewohnten Töne und Gedanken hören. Wenn man jahrzehntelang sein inneres Ohr – natürlich auch das äußere – an, sagen wir, Für Haus und Garten erfreut hat – nicht weil einen die Themen so brennend interessierten, sondern weil die sanftstimmige Abfolge merkwürdiger und interessanter Ratschläge eine so hypnotisch beruhigende Wirkung ausströmte – erschrecken einen taffe Service-Vorschläge, auch wenn sie sich dem gleichen Gebiet zuwenden. Das Radio ist ein undreistes, ein mildes, ein unaufdringliches Medium. Auch der Empfindlichste kann es nutzen, ohne Schaden zu nehmen. Das möge bitte so bleiben. Es sollte nicht Fernsehen ohne Bilder sein wollen, laut und chic und immer vornedran. Das paßt nicht zu ihm. Es hat ja auch einen Bildungsauftrag, und es ist schön, sich über die Dinge der Welt informieren zu lassen, während man Zeitungsausschnitte sortiert oder jene Post erledigt, bei der man nicht zu denken braucht. Und das Musikhören ist eben auch ganz anders, wenn einem ein Unsichtbarer, aber musikalisch weit Überlegener, die Auswahl abnimmt. Klassikradio ist kein CD-Auflegen. Da weiß man oft nicht, wonach einem ist, beziehungsweise welche Art von Musik unsere poetische Produktion beförden könnte. Das Radio nimmt einem die Entscheidung ab, es bringt uns auf ganz verwegene musikalische Ideen, Carmen und Carneval und Carmina, so lernt man was über Vielfalt und Mut.

In Zeiten von Katastrophen ist das Radio ein bekömmlicheres Informationsmedium als das Fernsehen. Akustisch wächst das Tröstende leichter als optisch, schon die Stimme in unseren stillen Räumen scheint Besorgnis, aber auch Besonnenheit mit uns zu teilen. Hektik sollte es nur bei Sportreportagen geben dürfen, und da gibt es sie auch, nichts wunderbarer, als wenn überschnappende Reporterstimmen uns von Tor zu Tor kreuz und quer durch die Republik jagen. Natürlich sind Auflösungserscheinungen zu beklagen. Es darf gequäkt, genölt und genäselt werden und den Grammatik-Regeln Gewalt angetan – das ist nämlich jugendlich und hip und bringt es weg vom bildungsbürgerlich-ältlich-vorgestrigen, schimmeligen Geruch, das Radio. Also ich fnde das schade. Ein paar Wellen sollten den schönen gewohnten Dingen freigehalten werden, dem großen Reisefeature, dem langatmigen Gespräch, den sanften Welterklärungen. Und dann Musik, Carmen, Carneval, Carmina. Nur so werden wir ihm treu bleiben, dem Radio, wir altmodischen Einzelgänger.