Im bayrischen Kindergarten
Meine Heimat – und dann sowas. Wo sind sie geblieben, die bajuwarischen Dickschädel, die Anarchisten und ihre weiblichen Gegenbilder? Die großen Oskar Maria Grafs und Franziska Reventlows und all die wunderbaren rauchenden, trinkenden, hurenden und herrlichste Kunst oder Geschichten hinterlassenden Figuren? Ein ehrgeiziger Bubi mit Hausfrauenfrisur und Erfolgsgeilheit in den Augen – der stark rauchende Ludwig Thoma hätte ihn einen Brucheinser genannt - sonderte Siegesmeldungen ab, daß einem schlecht werden konnte. Er klang, als sei der Afghanistan-Krieg beendet. Nicht daß irgendjemand wirklich glaubt, es ginge um etwas wichtiges: Es ist die aufgewärmte Raucherdebatte, eine der großen Ablenkungsdiskurse der vergangenen Zeit, in der von der nachrückenden Jungpolitikergeneration noch Geschreipotenzial gewittert wird. Volksentscheid! Wahnsinn!
Erreicht war nach dem Wahldebakel ein etwas lästiger und kindischer Ist-Zustand, für den Berge gekreißt hatten, eine Partei abgewatscht worden war und mit dem man letztlich leben konnte. Sie mußten einander nicht mehr ertragen, die Raucher und die Nichtraucher, wenn sie nicht wollten. Zugegeben, es ist eines erwachsenen Menschen unwürdig, sich Strategien und Tricks ausdenken zu müssen, wenn er in Gesellschaft rauchen möchte, aber seis drum: Wenn die Leute sich gefallen lassen, immer weiter infantilisiert und gegängelt zu werden, bitteschön. Traurig ist das schon, aber solange sich Karrieristen wie Herr Frankenberger nicht an echte Themen trauen, sondern sich so ihr Quantum Medienaufmerksamkeit holen, wird die Volkserziehung eine wohlfeile Möglichkeit dafür sein. Aber: Wer hat eigentlich etwas davon? Wer will in einer Kneipe am, sagen wir, Marienplatz in München, in der nicht geraucht werden darf, ganz sicher sein, daß zur gleichen Zeit in den Kneipen in Passau oder Dingolfing auch nicht geraucht werden darf? Reicht es nicht, daß er oder sie genügend Lokalitäten finden, die ihren Anforderungen gerecht werden? Muss es denn heute Bayern und morgen Deutschland und dann die ganze Welt sein? Noch einmal – wem nützt das? Der Volksgesundheit? Die Mehrheit des bayrischen Volkes hat offenbar gedacht, des is mir etzad z´bleed, und ist nicht zur Wahl gegangen. Schade. Aber begreiflich.
Nun sind Kneipen keine Fitneßklubs und man hält sich in ihnen seit Menschengedenken nicht zum Zweck körperlicher Ertüchtigung auf. Und ab einem bestimmten, meist frühen Stadium des Erwachsenseins ist einem klar, daß man manchmal Dinge tut, zu sich nimmt oder erlaubt, die nicht gesund, moralisch oder nützlich sind und die trotzdem Spaß machen. Manchmal werden sie bestraft, manchmal nicht. In welchem Ausmaß man Risiken eingeht, wird man abwägen. Oder auch nicht. Sich das von irgendjemandem vorschreiben zu lassen, dem man nie begegnet ist und dem zu begegnen man sich nicht wünscht, ist unerträglich.
Noch einmal: Es gibt genügend Orte, an denen Nichtraucher nicht gestört werden. Gut so. Keiner wird sie ihnen streitig machen. Zwangsweise zu einem der ihren gemacht zu werden, muß man sich deshalb noch lang nicht gefallen lassen. Ich glaube, es war der großartige Peter Richter, der zu Beginn dieses Scheinkriegs in der FAZ bekannte, nie geraucht zu haben, jetzt, unter diesen Umständen, aber gern damit beginnen zu wollen.
Muß er nicht.
Jeder soll nach seiner Facon selig werden – unselig werden allerdings auch. Das nennt man Erwachsensein.