Gute Reise, Hamlet

Wofür interessiert sich Frankfurt? Nun kann sich eine Stadt als solche ja naturgemäß für nichts interessieren, sie kann nur wiederspiegeln, wo die Interessen ihrer Bürger liegen, oder jener, die die Bürger repräsentieren. Das sind nicht dieselben.

Ziemlich lange Zeit war die Sache in Frankfurt klar: Bei Laune und Tatkraft mußten Banker und Wirtschaftsleute gehalten werden, das war auch offenbar nicht weiter schwer. Natürlich hätte man in der Paulskirche mehr Erstereiheplätze gebraucht, da gabs dann immer mal wieder kleine protokollarische Kabbeleien, aber im Großen und Ganzen war die Sache klar: Der Finanzplatz, der Wirtschaftmotor, Sie verstehen. Also alles drumherumgruppiert, Provokation nur in verträglichen Dosen, Kultur muß sein, der Mensch braucht ja irgendwie was Geistiges. Bißchen kratzen darf es auch. Unterwegs, beim Ausbau jener allgegenwärtigen Kapitalismusverträglichkeit, ist etwas verlorengegangen und das fällt plötzlich auf: Das schöne kritische Potential der Stadt, repräsentiert durch Dichter, Zeichner, Verleger, Journalisten, schräge Vögel, Hofnarren und Individualisten ist schweigsam geworden.

Am Mittwoch, dem 21. Januar, wird Peter Kuper, genannt Hamlet, zu Grabe getragen und es ist bezeichnend, der sonderbarste aller Stadtnarren und Hobbyanalytiker starb schon im November, und die Stadt trauerte nicht. Sie schreit auch nicht gequält auf, da einer der Symbolverlage fürs Kritische androht, sie zu verlassen. Warum läßt diese Stadt so selten erkennen, daß sie etwas achtet oder liebt? Warum fühlt sich hier jeder, der nicht hauptsächlich dem Bezifferbaren dient, am gesellschaftlichen Katzentisch? Eine architektonisch prachtfreie Stadt wie Frankfurt müßte von der Pracht ihrer Typen leben, von Schöpferkraft und Worterfindung, von der fröhlichen Wissenschaft und dem Geist der Musik. Das alles kann man hier finden, aber eigenartig unverbunden und verlegen und nebenbei, als kulturelle Unterhaltungs­und Unterstützungsveranstaltung für die Wichtigen. Nur: Die vermeintlich Wichtigen samt ihren Existenzgründen fallen grade der Reihe nach auf die Nase, und es könnte hinter ihnen das wirklich Wichtige erscheinen, wenn man es nur ließe. Eine Bestandsaufnahme ist überfällig, eine Zählung, wieviel Gute noch im Frankfurter Töpfchen sind und wer von denen, die sich davongemacht haben, zum Wiederkommen animiert werden könnte. Und wie man die, die den Fuß schon auf der Schwelle haben, zum Dableiben ermuntert. Die sicherste Währung für Phantasie jeglicher Art ist Achtung und Zuneigung. Die Besonderen müssen geliebt und ermutigt werden. Keiner von ihnen ist ersetzbar.

In diesem Sinne – gute Reise, Hamlet. Deine Seele ist eingebunden in das Bündelein der Lebenden.