Gartenmord
Stünde statt des dritten Buchstabens ein T, würde es sich – obgleich man in vielen Fällen Verständnis für das Delikt hat und sich oft fragt, warum es vergleichsweise selten begangen wird – um einen Straftatbestand handeln. Einen Garten darf aber offenbar jeder umbringen, wie schön, menschenfreundlich und nützlich er sein mag. Der erste, dem ich eine Totenklage widme, ist fast unbeachtet verschwunden, obwohl er wahrhaft heilsam gewesen ist. Der schöne Krankenhausgarten des Diakonissenkrankenhauses, ein Ort, der vielleicht mehr Patienten gesund gemacht hat als manche Therapie, ist heftiger Bautätigkeit geopfert worden. Als ich im Sommer eine der Diakonissen fragte, wieso denn das genehmigt worden sei und ob sich denn niemand für den Erhalt dieses ungewöhnlich klug gestalteten Gartens eingesetzt habe, antwortete die fromme Frau, man brauche nichts genehmigt zu bekommen, schließlich sei man Eigentümer und könne verfahren, wie man wolle. Ein wahrhaft gottgefälliges Statement – und so modern! So zeitgemäß und ehrlich!
So denke ich an die verschwundenen Gartenräume und Rosenhecken, an die schönen Brunnen und den Teich und an viele ganz wunderbar gestaltete Plätze, an denen man seine Krücken vergessen und die Nase in Rosmarin und Rosen halten konnte. Und vieles hörte in diesem Garten auf, weh zu tun. Man sollte sich seiner dankbar erinnern.
Vergleichweise marginal und von fast normaler Brutalität und Dämlichkeit ist die Zurichtung jenes kleinen Alleechens, das vom Funkhaus am Dornbusch zur Eschersheimer Landstraße führt. Grade im Frühling war das tolle Gelb der Forsythien, die dort üppig wuchsen, ein kleiner Trost für die unglaubliche Häßlichkeit der Straße und der U-Bahn-Station, die einen danach erwartete. Die Forsythien sind weg, kein Gelb mehr. Man wird den Weg pflastern. Das ist schön. Hauptsache sauber.
Im Marbachweg 55 lag der besondere Garten einer besonderen Frau, Marianne Beuchert. Sie ist 2007 gestorben. Als Gärtnerin, Gartenphilosophin und Autorin ist sie eine Frankfurter Legende. Und wer jetzt an ihrem geliebten Besitz vorbeigeht, kann sehen, was ein ermordeter Garten ist. Man kann es auch riechen, es ist ein unglaublich starker Duft nach getöteten Bäumen. Irgend jemand hat erlaubt, daß alle alten, großen Bäume gefällt wurden, daß die Planierraupe über die seltenen Pflanzen des weitläufigen Vorgartens walzte, daß aus einem Garten ein zum Geldmachen zugerichtetes Stück Platz gemacht wurde. Dabei ist das ehemals so schöne Stück Erde gar nicht groß. Aber man wird schon genug lukrativen Raum draufquetschen könne, darin hat man in dieser Stadt Übung.
Es ist ja schließlich Eigentum, irgendjemandes Besitz. Wenn der Jemand nach manch merkwürdigen Umwegen jetzt auch eine Wohnungsbaugesellschaft ist. Die muß niemanden fragen, und Seele oder Gewissen oder Skrupel kann man von ihr nicht erwarten.
Zu sonderbar nur, daß manch ein Gartenmensch verzweifelt mit den Ämtern kämpft, um einen einzigen wirklich schwierigen, störenden Baum loswerden zu dürfen. Und daß in anderen Fällen wertvollster Baumbestand zum Abholzen freigegeben wird, ohne daß sich auch nur ein Aktendeckel regt.