Giftshop Wiedereröffnung
Angesichts...
Eigentlich wollte ichs lassen mit dem Giftshop, es ist ja alles zu allem gesagt, und wahrscheinlich ist es das Geheimnis des sozialen Friedens, daß alle immer alles zu allem loswerden können. Aber jetzt denke ich, daß ich gut zu mir sein muß und das gleiche tun wie alle, nämlich sich nicht schreiend und mit großen Transparenten bewaffnet dorthinstellen, wo Unheil gemacht wird, sondern einfach mal wieder eine Flaschenpost ins Meer schmeißen. Es ist vollkommen gleichgültig und ändert gar nichts, aber vielleicht geht es mir danach besser.
Es geht mal wieder um das städtebauliche Treiben in der Stadt, in der ich nun schon so lang lebe, ohne je begriffen zu haben warum sie sich immer von neuem in die Arme der trostlosesten Häßlichkeit wirft. Jetzt ist November und nicht einmal mehr die Bäume spenden Trost. Im Gegenteil, ihre Nackheit hat was Hämisches. Seht an, was ihr angerichtet habt! scheinen sie zu sagen, wenn sie ihre schönen Kleider fallen gelassen haben und dahinter das graue Grauen erscheint. In der Hansaallee gibt es neue große Wohnhäuser. Sie haben unbegreiflich verliesartige Balkone, für Einbrecher sehr leicht zugängliche Parterres und eine Farbe – eine Farbe – erst dachten wir alle, die wir zunehmend bang täglich dran vorbeifuhren, das sei nur das Untendrunter und es werde doch ein Obendrüber kommen, das nicht zu depressiven Schüben führt. Aber nein. Irgendeiner dieser Täter muß in der riesigen Palette des Grau lang gesucht haben, ehe er die allerschrecklichste Variante fand: Wovon mag er sich inspiriert haben lassen? Von einem an Leukämie sterbenden Elefanten? Von der Deutschen Kriegsgräberfürsorge? Von Seewasser nach einem Chemieunfall? Man kann sich ein traurigeres, hoffnungsloseres, widerwärtigeres Grau gar nicht vorstellen, dagegen ist die Grabsteincouleur des Polizeipräsidiums richtig frivol! Aus vielen Erfahrungen weiß ich, daß wieder niemand dafür verantwortlich ist, es gewollt, geplant, verteidigt hat. Es ist einfach geschehen. Wieder eine Ansammlung teurer Schuhkartons, wieder das Festival der Rechtwinkligkeit, diesmal mit ökologischer Zertifizierung. Wie sonderbar sich die Traurigkeit in unserer Stadt Bahn bricht und entlädt, zeigen infantile Geschmacksverirrungen, zum Beispiel am Frankfurter Hof, dessen nobler Vorplatz von einer Alp-Öhi-Hütte ganz ungemein verschandelt wird. Oder das Potemkinsche Fachwerkmonster vor dem Eingang zur Paulskirche. Kann sich nicht irgendjemand mal damit auseinandersetzen, daß die graue Eisigkeit und die ranzige Pseudoheimeligkeit einander bedingen? Mit Architekten allerdings braucht man darüber nicht zu reden. Mit Architekturkritikern auch nicht. Mit Bauherren und Amtspersonen erst recht nicht.
Also mit wem? Eben. Deswegen die Wiedereröffnung des Giftshops. Damit man sich einbilden kann, nicht so allein zu sein.